eMagazin „Gut leben!”
Respektvoll lieben statt symbiotisch leiden
Die Individuation ist ein lebensnotwendiger Bestandteil reifer Paarbeziehungen. In der Verliebtheitsphase eines Paares wünschen sich beide nichts mehr als mit dem anderen zu verschmelzen – man teilt alles Gute, nimmt alles Wunderliche großzügig hin – alles im Bestreben Eins zu sein.
Die Einheit eines gereiften Paares besteht nicht im kritiklosen (und auch kritikunfähigen) Zustand der Verliebtheit. Das erkennen viele Paare, wenn der Alltag den Lack abschleift und die Marotten und Nickeligkeiten des Partners allmählich sichtbarer werden. Nach ein paar Jahren sehen wir nicht nur die Pickel im Gesicht sondern auch die Flecken im Gemüt des Anderen.
Viele Paare verfallen nach einer freundlichen Anfangszeit in einen respektlosen Umgang miteinander. Man meint sich gut zu kennen und rüffelt, meckert, schubst und stänkert miteinander – zuerst nur ab und zu und irgendwann immer ungenierter: Dir werd ich’s schon heimzahlen.
Das ist unreifes Verhalten. Es speist sich aus Verhaltensweisen der Kindheit und wer sich genau beobachtet kann feststellen, dass er bei denselben Worten oder sogar Lauten zusammenzuckt, die in auch schon als Kind rasend gemacht haben. Sei es von Eltern, Geschwistern oder Lehrern.
Wer an sich beobachtet, dass er im Kontakt mit dem Partner trotzig oder weinerlich wird, weiß dass er gerade regrediert (zurückfällt). Wenn sich die Behandlung durch den Partner anfühlt, wie die als Kind erfahrenen Ungerechtigkeit oder Gemeinheit, ist das noch kein Grund im Kleinkindmodus zu antworten. Dies geschieht allerdings sehr häufig und führt entsprechend zu kindlichen Auseinandersetzungen.
Dieses Verhalten ist symbiotisch. Und zwar, weil erwachsene Menschen in emotionalen einen Zustand fallen, in dem der Verlust des Partners der Tragödie gleichkommt, als wenn ein 3-jähriges Kind seine Mutter verliert. Es droht der physische wie emotionale Notstand.
Ein Paar, dessen gemeinsame Zeit zuende ist, will sich nicht trennen. Keiner von beiden traut sich den entscheidenden (und erlösenden) Schritt zu gehen. Beide begründen es damit, dem anderen nicht weh tun zu wollen, dabei haben sie selbst Angst davor allein zu sein.
Ein Partner leidet unter dem Elend des anderen. Anstatt aus erwachsener Verbundenheit einen Halt zu bieten, kippt der/die Koabhängige gleichzeitig mit dem Partner in emotionale Notstände.
Emotionales Schmarotzertum. Es gibt auch Menschen, die so geringen Kontakt zu ihrer eigenen Gefühlswelt haben, dass sie sich einfach an die des Partners andocken. Sie fühlen sich in Beziehung, wenn sie den anderen retten, bedauern oder belehren können. Ihre eigenen Bedürfnisse bleiben im Dunklen, genau so wie ihre tatsächlichen Beweggründe.
Symbiotische Verhaltensweisen führen über kurz oder lang zur Trennung. Das Spektrum reicht dabei sehr weit. Hier hält es einer von beiden nicht mehr aus, nicht er selbst sein zu können. Dort wird zornig gedroht sich selbst oder den anderen umzubringen bis der Partner flieht. Kindergefühle! Ohnmächtige Zustände von Dreijährigen.
Das hat nichts mit Ehe zu tun, sondern ist ein Fall für die Therapie. Reife Ehepartner übernehmen Verantwortung für ihre Gefühlswelt und suchen für die eigenen Schwierigkeiten nach Lösungen. Sie sehen ihre eigene Begrenztheit und suchen die Verantwortung nicht beim Anderen. Sie sehen die Grenzen des Partners und behandeln sie mit Mitgefühl, aber auch mit Klarheit. Sie bürden ihren emotionalen Müll nicht dem Menschen auf, den sie am meisten lieben. Sie ziehen Grenzen zwischen sich und dem anderen und machen damit Verbundenheit möglich.
Nur zwei Menschen, die sich erlauben sie selbst zu sein, können eine langlebige und erfüllende Ehe leben. Je mehr Eigenheit beider Partner möglich ist, desto tiefer kann die Verbundenheit wachsen. Respekt für die Eigenheit des anderen, ein Staunen über die Unbekanntheit des Partners sind die Lebensgrundlage für Vertrautheit und Liebe.
Hier können Sie sich die Übung “Respekt in der Paarbeziehung herunterladen”.
Respekt in der Paarbeziehung |
Sie wissen selbst, was für ein schwieriger Mensch Sie sind. Es ist nicht selbstverständlich Sie immer zu mögen. Das tun Sie ja selbst auch nicht. Ist es nicht ein Wunder, dass sich ein anderer Mensch dazu entschlossen hat, bei Ihnen zu bleiben? Wenn ein anderer Mensch sich dazu entscheiden kann, warum können Sie nicht für sich selbst die Entscheidung treffen: „Den Rest meines Lebens verbringe ich mit mir selbst – in Achtsamkeit und Respekt.” Gelingt Ihnen das, dann gelingt auch Ihre Ehe.
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Ausgabe Nr. 5 /
2010 vom 20. April '10
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Hallo, guten Abend,
ich lese oft Ihren Newsletter mit Vergnügen. Danke für den Genuss. Themen Ihrer Artikeln sind volltreffer:-)
Manchmal sind aber auch hart und nicht für alle verständlich. Was hilft mir z.B. im Konflikt mit meinem Partner direkt, wenn ich mich erst mit Thema “symbiotischer Verhaltensweise” auseinandersetzen muss???
Natürlich haben Sie Recht. Das klingt aber hoffnungslos und zum “Weg damit” verurteilt.
Darf ich zu Ihrer Übung noch eine Übung verraten?
Ok.:-)
In einer kritischer Situation halte bitte inne und stell dir beim innerlich Dialog vie Fragen:
1- Was höre ich?
2- Was sehe ich?
3- Welche Bedeutung gebe ich dem Gehörten / dem Gesehenen?
4- Welche Gefühle habe ich durch diese Bedeutung?
Das geht in Ihre Richtung Herr Matthaei, oder?
Das ist ein sehr effektive Übung mit schneller Wirkung.
Ich bin damit in verschiedenen Beziehungen gut gefahren:-)
Mit besten Wünschen
Soheila Mojtabaei
Ach ja, ich habe vergessen zu sagen, dass diese wunderbare Übung von einer amerikanischen Psychologin Namens Virginia Satir ist.
Hallo Frau Mojtabaei,
vielen Dank für die Ergänzung unserer Übungssammlung
– so etwas kann ich immer gut gebrauchen.