Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?

“Was ist es, was ich wirklich will?”, lautet eine Frage, die vielen Menschen unter den Nägeln brennt. Diese Frage taucht dann auf, wenn man feststellt, dass einen das “normale” Leben nicht so richtig glücklich macht, wie man es sich früher einmal vorgestellt hat. Trotzdem machen viele weiter wie bisher, erfüllen ihre Pflichten und fügen sich in das vermeintlich Unvermeidbare. Wie kommt es, dass nur so wenig Menschen, die ihre Bedürfnisse nicht erfüllt sehen, echte Veränderungen in ihrem Leben vornehmen?

Veränderungen setzen Entscheidungen voraus. Entscheidungen und Motivation fußen ihrerseits auf unserem verinnerlichten Wertesystem. Werte sind Referenzpunkte, nach denen wir entscheiden, ob etwas richtig oder falsch, gut oder schlecht ist. Und woher kommen die Werte?

Das Wertesystem jedes Menschen ist aus den Stimmen vieler anderer zusammengesetzt. Manche dieser Stimmen haben wir noch im Ohr: Lob und Tadel der Eltern, Verwandten, Erzieher und Lehrer. Belohnung für “richtiges”, Strafen für “falsches” Verhalten. Andere Stimmen sind älter, globaler: Familientradition, Gesellschaft, Staat,Kirche, Kultur. All das sind Strukturen, in denen Werte als Reglement gemeinsamen Lebens entwickelt und auch durchgesetzt wurden. Wir nehmen sie indirekt auf, indem wir in sie hineingeboren werden. Als Jugendliche und Erwachsene entwickeln wir Alternativen, die häufig im Widerspruch zu den althergebrachten Werten stehen.

Wenn eine wichtige Entscheidung ansteht, wird die Gesamtheit unserer inneren Stimmen dazu konsultiert. Sie bevölkern unser inneres Dorfes, in dem jetzt der Ältestenrat zusammengerufen wird. Es wird diskutiert und abgewogen, gestritten und gekämpft. Bündnisse werden geschlossen und Verhandlungen geführt. Dieser Vorgang äußert sich in am Tage ratternden Gedanken und in Träumen innerer Auseinandersetzung des Nachts.

An einem Punkt der Diskussion wird der innere Bürgermeister einen Beschluß fassen und diesen nach außen verkünden. Wie im äußeren Leben ist damit weder gesagt, dass die Diskussion wirklich beendet ist, noch dass die Entscheidung wirklich den Wunsch des Bürgermeisters darstellt.

Wer also das tun will, was er wirklich will, sollte herausfinden, wer der Bürgermeister im eigenen inneren Dorf ist. In anderen Worten: Auf wessen Stimmen lauschen Sie in Ihrem Inneren? Wem leisten Sie Folge? Wem sind Sie gefolgt, als Sie Ihren Beruf gewählt haben, als Sie sich auf eine bestimmte Lebensform festgelegt haben, als Sie eine Familie gegründet haben? Und wem folgen Sie, wenn Sie alles beim Alten lassen? Welcher inneren Stimme werden Sie den Rest Ihres Lebens anvertrauen?

Ich habe Frauen erlebt, die lieber gestorben wären, als eine unerträgliche Ehe zu verlassen – aus Treue zu Religion und Familie. Ich kenne Männer, die ihre komplette Gesundheit dem Glauben opfern, sie müßten erfolgreicher sein als andere und ihre Daseinsberechtigung hinge davon ab, was sie leisten, und nicht davon, wer sie sind.

Und was ist es, was Sie wirklich wollen?
Nehmen Sie folgende Fragen als Anregungen:

  • Was haben Sie als Kind am liebsten gespielt?
  • Wer waren Ihre größten Vorbilder als Sie 15-20 Jahre alt waren?
  • Welche Ihrer Träume haben Sie noch nicht gelebt?
  • Was möchten Sie, das andere über Sie sagen?

Wenn ich weiß, was ich will, warum will ich genau das? Das ist die Frage nach der Motivation und stellt eine spannende Selbsterforschung dar. Und bezogen auf diese Antwort, warum will ich das? Usw. …
Auf dieser Ebene ist das zu finden, was langfristig glücklich und zufrieden macht.

4 Antworten auf Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?

  1. Hallo,
    ich habe soeben das Thema gelesen, das mich und meinen Partner auch teilweise betrifft. Solche Dinge sind an der Tagesordnung, die in einer Partnerbeziehung, so denke ich zumindest, zuhauf vorkommen. Besonders dann, wenn man schon lange zusammen ist. Sind wir uns doch ehrlich, je länger eine Partnerschaft besteht, desto selbstverständlicher wird alles. Es kommt meiner Meinung immer auf die Laune und der Verfassung des Partners an, wie er gerade in diesem Moment reagiert. Die Zeit, miteinander zu reden, ist in vielen Familien minimalst – es gibt nur mehr Stress, Stress und wieder Stress. Unsere Gesellschaft macht aus uns nur stressgeplagte Individuen. Darum ist auch die “Schmerzgrenze”, ob man etwas akzeptiert oder nicht, schnell erreicht. So gibt es auch Situationen, in denen man zu wenig überlegt, wie man das bringt. Wenns nicht paßt, dann krachts! Passiert das häufig, müsste man irgendwann einmal draus lernen! Lernprozess!?
    Das kann funktionieren mit einem Partner oder auch nicht! Ich habe eine Scheidung nicht vermeiden können, obwohl man sagt, es gehören immer 2 dazu. Mein Mann hat mich während unserer 23 Ehejahre nie beim Namen genannt – ich war nur der HE und der DU! Nebenbei war ich die Ausführende und er der Befehlsgeber – irgendwann hat man das einfach satt! Und wenn eine “heimliche Liebe” parallel läuft, ist es sowieso egal, wie man eine Frage, einen Satz formuliert oder um irgendwelche Hilfe bittet – es ist eben alles falsch!

    Respekt … meine ich!

    • Ich erlebe in unseren Beratungen sehr oft, dass die minimale Zeit, die für die Beziehungspflege bleibt, auch noch mit Streit gefüllt wird. Zeit ist notwendig, um Missverständnisse und Streit auszuräumen – Zeit, Zuhören und klare Kommunikation. Offensichtlich reiner Luxus, wenn man sich anschaut wie wenig wert darauf gelegt wird – vor allem von Männern. Frage ich dieselben Männer, was das wichtigste in ihrem Leben ist, dann sagen sie “meine Frau” oder “meine Familie”. Schwer zu verstehen, fast “weiblich unlogisch” :-)

  2. Welcher Mann hört schon richtig hin. (Quintessenz eines 70-jährigen Männerlebens)
    Eike-Werner Müller

    • Es ist für mich immer wieder wohltuend, wenn ältere Männer ihre Erfahrungen beitragen. Ich glaube, dass ein großer Teil unseres (der Männer) Defizits im Umgang mit Frauen (und mit Menschen allgemein) aus sprachlosen Beziehungen zu Vätern im Besonderen und älteren Männern im Allgemeinen stammt. Wenn es Jungs und junge Männer lernen können, dann nur bei Vätern, Onkeln, bei der Männergeneration vor ihnen. Schade dass die Leistungsgesellschaft so wenig wert darauf legt, sich selbst kennenzulernen und Persönliches kommunizieren zu können.

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