Drohung mit Auszug oder Selbstmord

Wie Überbedürftigkeit und Co-Abhängigkeit die Ehe zerstören kann

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Eine Paarbeziehung lebt von gegenseitiger Unterstützung und Mitgefühl für den anderen.

Es gibt aber auch Beziehungen, in denen dieses Gegenseitige ins Ungleichgewicht gerät. Dann wird ein Partner immer bedürftiger und der andere scheinbar notwendigerweise die Stütze nicht nur des Partners, sondern der ganzen Beziehung.

Der Zustand ausgeweiteter Bedürftigkeit kann auch Depression genannt werden. Er zeichnet sich aus durch Mangel an Selbstverantwortung, Ungerechtigkeit gegenüber anderen und einem schwindenden Gefühl für die Angemessenheit der eigenen Verhaltensweisen. Je nach Charakter und Art der Störung ist der Überbedürftige eher hyperaktiv oder antriebslos. Manchmal wechseln sich beide Formen auch ab.

Der Partner des Überbedürftigen kreiert mit diesem gemeinsam eine Überlebenseinheit. Gemeinsam sind sie permament auf der Suche nach Heilung, wenden sich gemeinsam gegen den imaginären Feind (Krankheit, Gesellschaft, Ärzte, etc.).

Entsteht durch diesen gemeinsamen Kampf zu große Übereinstimmung, wendet sich der Überbedürftige kurzfristig auch gegen den Retter im eigenen Haus. Mit immer neuen unerfüllbaren Forderungen wird alles getan, um gleichzeitig (!)

  1. das Gefühl von Einsamkeit und Unterversorgung wieder in den Mittelpunkt zu stellen und
  2. den Partner in die Depression mit einzubinden. Dies geschieht häufig durch Trennungsszenarien mit Ankündigungen sofort auszuziehen bis hin zur Drohung mit Selbstmord.

Niemand will schuld sein am Tod des Partners, egal wie schwer der uns das Leben macht. Und so versucht der co-abhängige Partner alles, um die aufgebrachte Überbedürftigkeit wieder zu beruhigen. Der Kreislauf beginnt von vorn.

Das zermürbt allmählich die Beziehung und frisst über die Jahre jegliche positive Bindungsenergie auf. Leider kommen dabei immer auch die Kinder unter die Räder. Denn keiner von beiden durchschaut die narzisstische Verfassung, in der sich beide Partner befinden. Der Blick ist nur auf sich selbst und die nächste Regung des Partners gerichtet. Der Schutz der Kinder vor den rabiat wechselnden Stimmungen im Elternhaus wird geopfert, um die hoffentlich noch mögliche Rettung aus dem gemeinsamen Untergang nicht zu gefährden.

So wird beständig die Lösung vermieden, die scheinbar angestrebt wird.

Dieses Dilemma zu durchschauen ist die schwierige Aufgabe für den co-abhängigen Partner. Erst in dem Moment, in dem er die Erkenntnis zulässt, dass er den überbedürftigen Partner nicht retten kann, kann ein erwachsener Beschluss reifen, der es ermöglicht, im Kontakt zu bleiben ohne mit in den Sumpf zu steigen.

Wie sieht es dann aus? Zeter und Mordio wird dem ehemals Co-Abhängigen nachgerufen, kündigt er doch die stille Vereinbarung, gemeinsam unterzugehen. Jeder Rettungsschwimmer weiß, dass er die eigene Sicherheit zuerst bewahren muss, weil sonst beide ertrinken.

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