Machtkampf in Beziehungen beenden

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Wenn ein Paar in einen Machtkampf gerät, sieht es schlecht aus für die Partnerschaft. Macht und Dominanz zerstören die Beziehung. Ich definiere Macht in diesem Zusammenhang als den Versuch das Denken, Handeln und Fühlen meines Gegenübers in der Weise beeinflussen zu wollen, dass es für mich komfortabler, weniger störend oder sogar weniger wahrnehmbar wird.

Powerstruggle

Foto von: Rick

Die Ursache dafür, das Denken, Handeln oder Fühlen eines anderen Menschen nicht empfangen zu wollen, liegt darin, dass man auf diese Weise mit Bereichen der eigenen Persönlichkeit konfrontiert wird, die einem unangenehm sind.

Zum Beispiel: Ich bin nicht einverstanden mit meinem eigenen Zorn. Tatsächlich habe ich ihn so weit in meine persönlichen Schattenbereiche gedrängt, dass ich ihn gar nicht mehr wahrnehmen kann. Wenn mir ein zorniger Mensch begegnet, aktiviert dieser meinen Kontakt mit dem nicht gewollten Zorn. Um dieses unangenehme Gefühl loszuwerden, muss ich entweder aus dem Kontakt mit der betreffenden Person gehen oder versuchen, ihre Äußerungen unter Kontrolle zu bringen. Hier beginnt der Machtkampf.

Macht über einen anderen Menschen haben zu wollen ist also ein Umweg, um die eigenen Gefühle und Schattenaspekte im Unbewussten zu halten. Bin ich nicht bereit, mich mit diesen Schattenaspekten auseinanderzusetzen, dann werde ich immer wieder in machtvollen Auseinandersetzungen landen. Da wir davon ausgehen können, dass jeder Mensch Schattenaspekte besitzt, die er nicht wahrnehmen möchte, können sich Paare über Jahre und Jahrzehnte im Machtkampf befinden und jeweils den anderen für ihre Misere verantwortlich machen.

Was ist nun also die Lösung für den Machtkampf in Beziehungen?

Um der Lösung näher zu kommen sollten wir noch einmal genauer die Ursache untersuchen. Wie ist es dazugekommen, dass ich meinen Zorn in den Schatten verbannt habe? Dieser Prozess wird auch Verdrängung oder Abspaltung genannt. Er findet immer dann statt, wenn im heranwachsenden Kind die Überzeugung gereift ist, dass das Zusammenleben mit den versorgenden Personen (in den meisten Fällen also Mutter und Vater) gesicherter, zuverlässiger, geborgener ist, wenn ich diesen Aspekt meiner Persönlichkeit verstecke.

Wenn Zorn als natürliche Äußerung einer Ich-Grenze bei kleinen Kindern nicht ausreichend gewürdigt wurde, wird es später, wenn es selbst in einer Partnerschaft lebt, ständig mit diesem Defizit konfrontiert. Es müsste dem Kind ein Weg gezeigt werden, wie es mit seinem Zorn und dem Wunsch danach, Grenzen zu ziehen und ein unabhängiges Leben zu führen, gleichzeitig (!) in Beziehung sein kann. Ohne diese Möglichkeit beginnt es seinen eigenen Zorn zu leugnen und wird unfähig, gesunde Ich-Grenzen zu ziehen und aufrecht zu erhalten.

Sobald später der/die Andere dann in irgendeiner Weise an diesen Schattenbereich rührt, setzen die Ersatzhandlungen ein. Das sind solche Verhaltensweisen, mit denen wir versucht haben, mehr schlecht als recht die Funktionalität des Zorns zu ersetzen. Diese Ersatzfunktionen sind beispielsweise Beleidigtsein, Manipulation, stiller Rückzug, die Suche nach anderen (besseren) Lebensgefährten, die Rationalisierung des Alleinseins als bessere Lebensform und größere Freiheit, Rechthaberei, Besserwisserei und andere Formen des versteckten aber für alle anderen (nur nicht für mich selbst) spürbaren Zornes.

Ich würde sogar so weit gehen, dass ich den unterdrückten Zorn nicht nur als einen individuellen Verdrängungsmechanismus beschreibe, sondern auch als einen kollektiven. Das ganze deutsche Volk hat ein äußerst zwiespältiges Verhältnis zu Zorn, Macht und Gewalt, was sich auch heute noch darin äußert, dass wir an der Oberfläche als die Peacemaker-Nation agieren und uns zum Dalai Lama bekennen, während wir gleichzeitig – doch viel weniger öffentlich – auch der viertgrößte Waffenexporteur der Welt sind. Diese Schizophrenie ist genau dieselbe wie die, die wir an den Tag legen, wenn wir versuchen unseren Liebsten ihre „schlechten Seiten“ abzugewöhnen, um nicht mit unseren eigenen Schattenseiten in Kontakt zu kommen.

Die Erforschung des eigenen Schattens umfasst nicht nur Zorn sondern die ganze Bandbreite von Gefühlen und Wahrnehmungen, die wir in anderen ablehnen. Dies ist gleichzeitig der Wegweiser, wie der eigene Schatten sichtbar gemacht und dadurch handhabbar wird. Durch die Beobachtung der eigenen Abwehrreaktion gegen das Verhalten und die Äußerungen anderer haben wir einen direkten Blick auf die Aspekte von uns selbst, die wir nicht akzeptieren.

Schauen Sie also auf das, was Ihre Partnerin/Ihr Partner tut oder sagt. Jedes Mal wenn in Ihnen Abwehr gegen diese Äußerungen auftaucht, können Sie gleichzeitig untersuchen, welchen Aspekt von sich selbst Sie in dieser Situation nicht wahrnehmen wollen.

  • Wollen Sie nicht, dass er/sie zornig ist? Lassen Sie Ihren eigenen Zorn sprechen und fragen Sie sich, wogegen er gerichtet ist.
  • Wollen Sie nicht, dass er/sie jammert? Lassen Sie Ihre eigene Bedürftigkeit sprechen und fragen Sie sich, was Sie brauchen.
  • Wollen Sie nicht, dass er/sie traurig ist? Lassen Sie Ihre eigene Traurigkeit sprechen und fragen Sie sich, welchen Verlust Sie beklagen.
  • Wollen Sie nicht, dass er/sie rechthaberisch ist? Lassen Sie Ihre eigene Rechthaberei sprechen und fragen Sie sich, was andere von ihnen noch nicht verstanden haben.
  • Wollen Sie nicht, dass er/sie begeistert ist? Lassen Sie Ihre eigene Begeisterung sprechen und fragen Sie sich, was ihr persönliches Geschenk an die Welt ist.

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