Paare in der Krise

Warum Ehekrisen persönliche Krisen sind und wie man sie löst

Wenn sich ein Paar in einer Krise befindet, ist die Versuchung groß, die Schuld beim Anderen zu suchen. Ohnehin leben wir in einer Kultur, die gerne jemanden schuldig macht. Wenn etwas schief läuft, nicht gelingt,  unangenehm ist, gehen wir auf die Suche nach einer Einzelperson, die wir dafür beschuldigen können. In den meisten Fällen fällt die Wahl dabei nicht auf uns selbst, sondern auf die Person neben uns.

Warum sagen wir nicht: „Ich bin schuld“? Das Wort Schuld ist in der christlichen Kultur mit einer enormen Last verbunden. Es enthält die Verantwortung für die Misere der Welt, für die Vertreibung aus dem Paradies. Wir haben ein intuitives Verständnis dafür, dass es ein Körnchen Wahrheit enthält; doch diese Wahrheit ist schwer zu tragen und daher rührt der Wunsch, die Last jemand Anderem aufzubürden.

Di Paolo: Die Vertreibung aus dem ParadiesDer Begriff Schuld ist leichter zu verstehen, wenn wir das Paradies als einen inneren Zustand der Geborgenheit und Sicherheit verstehen. Das Paradies ist der Ursprungsort, von dem wir uns mehr oder weniger diffus erinnern, dass dort alles gut und richtig war, dass wir uns keine Sorgen um unsere Versorgung machen mussten. Dort waren wir emotional und körperlich vollständig aufgehoben. Je nach persönlichem Lebensverlauf haben wir unser eigenes Paradies bereits während der Schwangerschaft, in den ersten Lebensmonaten oder in der frühen Kindheit verloren. (Es gehört zur Tragik des Menschseins dazu, das Paradies zu verlieren.)

Mehr oder weniger unbewusst sehnen wir uns immer nach diesem Paradies zurück. Eine Möglichkeit wie wir ihm näher zu kommen gehofft haben, ist die innige Beziehung zu dem Menschen, in den wir uns verliebt und den wir dann möglicherweise als dauerhaften Lebenspartner gewählt haben. Stellt sich nach einigen Monaten oder Jahren heraus, dass dieser Mensch uns das erhoffte Paradies nicht zur Verfügung stellen kann, werden wir unzufrieden oder unglücklich.

Den Weg zurück ins Paradies gibt es nicht. Das wäre der Weg zurück in den Mutterleib. Die Befreiung von den Schwierigkeiten und unangenehmen Gefühlen, denen wir im Lauf unseres Lebens begegnen, ist jedoch nicht durch die Wiederherstellung eines unbewussten Zustandes erreichbar. Vielmehr ist der Blick nach vorne zu richten und – um in der Bildersprache der christlichen Mythologie zu bleiben – unser eigenes Kreuz aufzunehmen und es bis zum bitteren Ende zu tragen, um dann drei Tage später auferstehen zu können.

Diese Bilder führen uns nicht weiter, wenn wir sie buchstäblich verstehen. Sie sind jedoch als psychische Grundmuster tief in unsere Kultur und in unsere Seele eingeprägt. Das bedeutet, dass jeder von uns nicht nur ein starkes Gefühl für das Paradies hat, sondern genauso stark eine intuitive Wahrnehmung dafür, dass wir durch unsere eigene Kreuzigung hindurch gehen müssen, um geistig erneuert aufzuerstehen. Die östlichen Kulturen verwenden für das Wort Auferstehung stattdessen den Begriff der Erleuchtung.

Der Gekreuzigte (Isenheimer Altar)Machen wir es etwas konkreter: Unsere Kreuzigung findet täglich statt. Sie nimmt beispielsweise die Form vom Kampf ums tägliche Überleben an. Egal wie gut wir versorgt sind, besteht ein erheblicher Teil unseres Alltags darin, ums Überleben zu kämpfen. Sei es um die Stelle, die wir innehaben, um ein höheres Gehalt, um neue oder mehr Kunden, um die Vorrangstellung am Markt, um genügend Raum auf der Überholspur, um die Zahlung des Arbeitslosengeldes, um einen Platz in der Kindertagesstätte, darum als Erster an der Supermarktkasse zu stehen, die als nächste geöffnet wird.

Was ist es, was uns in diesen Situationen martert? Sind es tatsächlich die anderen? Ist wirklich zu wenig Platz, zu wenig Geld, zu wenig Sicherheit, zu wenig Versorgung vorhanden? Oder ist es vielmehr unsere eigene Bewertung der Situation, dass Getriebensein von Angst, Unsicherheit und der Mangel an Vertrauen ins Leben? Erst wenn wir aus dieser Perspektive auf das schauen, was wir als unsere persönliche Kreuzigung erleben, gibt es einen Weg zur Befreiung.

Dieser Weg ist die Untersuchung der in uns auftauchenden Urteile und Gefühle. Die Gelegenheit dazu bietet sich, sobald wir uns von anderen bedrängt, betrogen, hintergangen, ausgebootet, zurückgestellt usw. fühlen. Genauso wenn wir den Eindruck haben, dass uns etwas vorenthalten werden soll, worauf wir einen Anspruch zu haben meinen (wie zum Beispiel die Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung eines Partners). Wann immer irgendwelche Gefühle dieser Art auftauchen, haben wir die Wahl ihnen auf den Grund zu gehen oder jemand anderes dafür zu beschuldigen. In all diesen Gefühlen zeigt sich bei intensiver Untersuchung, dass sie aus einem Gefühl/Gedanken der Minderwertigkeit heraus entstehen.

Die Essenz der Aufforderung Jesu‘ in der Begpredigt ist, dass wir an diesem Punkt nicht stehen bleiben sollen:
„Auch zündet man kein Licht an und stellt es unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter. So leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen […].“ Wer seine Minderwertigkeit durchgearbeitet hat, hat sein Licht auf den Leuchter gestellt. Dies befähigt ihn, Anderen durch sein Wirken den Weg zu weisen.

Wir können also beginnen uns selbst zu erforschen, ob wir in uns einen echten Beweis unserer Minderwertigkeit finden. (Er wird kaum zu finden sein… .) Oder wir können sagen: „Du bist schuld!“ und damit eine Trennung herbeiführen. Diese Trennung wird im Anfang nur von kurzer Dauer ist, wenn wir sie jedoch oft genug wiederholen, führt sie zu einer Beendigung der Beziehung. Mit dem Ende der Beziehung wird nur offensichtlich, dass wir zuvor die Beziehung zu uns selbst verweigert haben.

Die Auferstehung (Isenheimer Altar)Indem wir uns geweigert haben, in einem Moment des Schmerzes in Richtung Selbsterkenntnis voranzuschreiten und den vermeintlich leichteren Weg der Auslagerung der Ursache des Leidens zu gehen, haben wir die Beziehung zu uns selbst unterbrochen und wenn wir das oft genug tun, wird es sich zwangsläufig in der Beziehung zum Partner manifestieren.

Der Weg, eine Ehekrise zu beenden ist also immer ein Weg zu sich selbst. Erst wenn es wenigstens einem von beiden gelingt, die Spirale von Schuld und Vorwurf, Angriff und Gegenangriff zu stoppen, ist ein Ende der Krise möglich. Nur wenn sich wenigstens einer von beiden bemüht, die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu richten um die eigenen Minderwertigkeitsgefühle aufzulösen, ist ein Neuanfang gegeben.

Dieser Neuanfang ist ein individueller, d.h. er betrifft das Individuum, das sich der Mühe der Umkehr unterzogen hat. Inwieweit dies den Partner ergreifen wird und dazu animiert einen eigenen inneren Umkehrprozess zu vollziehen ist nicht vorhersehbar. In gewisser Weise ist es also notwendig, die Beziehung aufzugeben um sie gewinnen zu können.

2 Antworten auf “Warum Ehekrisen persönliche Krisen sind und wie man sie löst”

  1. Ich stimme voll und ganz zu, dass Respektverlust ein Beziehungskiller ist. Ich glaube übrigens, dass das für jede Form zwischenmenschlicher Beziehungen gilt. deshalb meine Frage welche Wege Sie beschreiten um eine Beziehung aus der Respektlosigkeit herauszufuhren, dh.bieten Sie hierzu Seminare an?

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