Zwei Nichtschwimmer begegnen sich auf hoher See

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Vor einiger Zeit kam ein neuer Klient zu mir. Er setzte sich vor mich hin und sagte: »Na dann mach mal.«

»Machen? Was denn?«

Es stellte sich heraus, dass seine Frau ihn vor die Wahl gestellt hatte: »Entweder du änderst dich, oder ich gehe.« Das ist eine nicht ganz seltene Konstellation. Wir beobachten aber immer wieder, dass die jeweilige Frau sich nicht unbedingt als Teil des Veränderungsprozesses sieht. Und der Mann hatte ebenfalls nicht die Vorstellung, dass es in seinem Sinne war, vor einem Paarkommunikations-Coach zu sitzen.

»Na dann mach mal« war eine Haltung, die der Empfindung seines inneren Kindes entsprang. Da saß ein kleiner Junge in der Verpackung eines erfolgreichen Managers und Mama hatte ihn losgeschickt, er solle mal die Scherben beiseite räumen, die er produziert hatte. Dazu hatte er nicht richtig Lust, fürchtete sich aber vor dem Liebesentzug.

Auf der anderen Seite agierte ebenfalls ein (inneres) Kind, das sich ungerecht behandelt fühlte.
Anstatt ein erwachsenes Bekenntnis zum natürlichen Auf und Ab in Ehe und Familie abzulegen, wird die eigene Verantwortung völlig geleugnet und 100 % der Anstrengung für eine bessere Kommunikation vom Partner verlangt. Wer seinen Mann an die Wand wirft, muss sich nicht wundern, wenn ein Frosch daraus wird.

»Zwei Nichtschwimmer begegnen sich auf hoher See…«, pflegte Dr. Norbert J. Meyer aus München solche Paare zu charakterisieren. »Ich habe dich zuerst gesehen«, rufen sie einander zu und gehen dann gemeinsam gurgelnd unter.

Leider reicht es nicht aus, wenn nur einer von beiden schwimmen lernt. Aus meiner Rettungsschwimmer-Ausbildung bei der DLRG erinnere ich sehr gut, dass immer das eigene Überleben zuerst gesichert sein muss, bevor man sich daran macht, jemand anders zu retten. Im Falle unserer beiden enttäuschten inneren Kinder aus dem obigen Beispiel, bedeutet das, dass sich der verantwortungsvolle Erwachsene dem eigenen inneren Kind zuwendet, ihm zur Seite steht, es ihn Schutz nimmt, ihm Grenzen setzt, kurz: es liebt mit allem Drum und Dran.

»Wie liebt man sein eigenes inneres Kind?« Das führt uns direkt zum eigentlichen Forschungsauftrag: »Wie kommt es denn, dass man es nicht mehr liebt? Wo und wann ist die Liebe verlorengegangen?« Wer diesen Fragen nachgeht, findet häufig ein verschüchtertes, kaum der Sprache mächtiges kleines Wesen in seinem Inneren. Sie könnten sich also daran machen, mit diesem Kind zu sprechen, es zu fragen, was es will und braucht, für es zu sorgen und es zu beschützen.

Hier sind einige Fragen, die den Kontakt mit dem inneren Kind verbessern können:

  1. Auf welche Substanzen greifen Sie unter Stress zurück(z.B. Zucker, Alkohol, Tabak, Nahrungsmittel,…)?
  2. Welche Gefühle könnten frei werden, wenn Sie auf diese Stressblocker verzichten würden?
  3. Von welchen Dingen und Aktivitäten machen Sie sich abhängig (z.B. Fernsehen, Arbeiten, Meditation, Fitnesstraining, Telefonieren, Betriebsamkeit, Statussymbole, Sorgen,…)?
  4. Welche Gefühle könnten frei werden, wenn Sie alle diese Ablenkungen sein lassen würden?

Die Gefühle, die hier angesprochen werden, sind Gefühle des vernachlässigten inneren Kindes. Je mehr es gelingt, seine Bedürfnisse direkt zu befriedigen, desto schwächer werden die Abhängigkeiten von Betäubungsmitteln aller Art.

Die Abhängigkeit vom Beziehungspartner lässt ebenfalls nach.
Wer sich selbst gut versorgt, hat auch mehr zu geben. Die Partnerschaft verwandelt sich in ein gegenseitiges Beschenken, anstatt dem Anderen die Nicht-Erfüllung der Sehnsüchte des eigenen inneren Kindes vorzuwerfen.

In den Worten des Talmud: »Wer einen Menschen rettet, der rettet die ganze Welt.« Dieser eine Mensch bist immer Du selbst.

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