Liebe auf den zweiten Blick

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Neulich meldete sich bei mir der NDR. In einer Nachmittagssendung wurde das Thema Liebe auf den zweiten Blick besprochen. Ich sollte dazu Stellung nehmen. Ich habe die Fragen mitgeschrieben und gebe hier ein paar ausführlichere Antwort, als das in dem kurzen Radiointerview möglich war.

Viele sagen, Liebe auf den zweiten Blick ist besser als die auf den ersten – weil nachhaltiger, länger, sicherer – warum ist das so?


Die Liebe auf den zweiten Blick würde ich eher Liebe ohne Projektion nennen. Ohne Projektion deswegen, weil bei der Liebe auf den ersten Blick das Gegenüber nicht unbedingt so wahrgenommen wird, wie es wirklich ist. Ecken und Kanten werden übersehen, und das Schöne und Gute, das Besondere und Aufregende wird überbetont. Der/Die Angebetete wird idealisiert. Es wird alles ausgeblendet, was dem Idealbild, dem Wunschbild nicht entspricht. Nicht selten gibt es dann nach einigen Monaten ein unangenehmes Erwachen. Liebe auf den zweiten Blick scheint ohne oder zumindest mit weniger dieser Projektion auszukommen.

Ist Liebe auf den zweiten Blick eher eine Vernunftentscheidung, während bei der auf den ersten Blick die „Schmetterlinge im Bauch“ im Vordergrund stehen?

Nein, keine Vernunftentscheidung, sondern eher eine realistischere Entscheidung. Wenn die Projektionen wegfallen, ist mehr Platz für die Wirklichkeit. Diese Liebe ohne Projektion orientiert sich an den tatsächlich vorhandenen Eigenschaften des Gegenübers. Positiven wie negativen, angenehmen wie unangenehmen Eigenschaften. Sie hat auch damit zu tun, dass ich mich selbst mit meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten einverstanden erkläre. Daraus ergibt sich die Fähigkeit, auch dem Partner Abweichungen vom eigenen Idealbild nachzusehen, anstatt sie zu übersehen und später große Dramen daran aufzuhängen.

Bei der spontanen, großen Liebe überwiegen ja oft Lust und Sex? Ist das bei der Liebe auf den zweiten Blick anders, geht es da eher um die tiefen Gefühle?

Lust und Sex sind ein wesentlicher Bestandteil einer Paarbeziehung. Sie reichen allerdings nicht aus, um eine Beziehung langfristig auf stabile Füße zu stellen. Dafür werden weitere Zutaten benötigt. Eine wesentliche Zutat, die möglicherweise in der Liebe auf den zweiten Blick häufiger und umfassender vertreten ist, ist die der psychischen Reife. Ich will diese der Liebe auf den ersten Blick nicht absprechen, es scheint aber eher so zu sein, dass manche Menschen im Lauf ihres Lebens mehr psychische Reife entwickeln, andere dagegen weniger.

Je mehr psychische Reife vorhanden ist, desto erwachsener können die schwierigen Situationen in Paarbeziehungen bewältigt werden. Wenn Partner während einer Auseinandersetzung in ihr Kinder-Ich abrutschen, dann sind sie schnell beleidigt, gönnen sich nichts mehr, und versuchen, den anderen mit Liebesentzug zu strafen. Liebe auf den zweiten Blick scheint auf diese kindlichen Verhaltensweisen leichter verzichten zu können und kann daher mehr Tiefe, mehr Vertrauen und größere Stabilität herstellen.

Wie viel Zeit muss denn eigentlich nach dem Kennenlernen vergangen sein, damit man von „Liebe auf den zweiten Blick“ sprechen kann?

Diese Frage kann ich im Grunde nicht beantworten, da ich die Unterscheidung von Liebe auf den ersten oder zweiten Blick eher qualitativ mache, wie oben dargestellt. Ich könnte jetzt so etwas sagen wie sieben Jahre, denn man spricht ja häufig vom verflixten siebten Jahr in Paarbeziehungen. Viele der heutigen Partnerschaften erreichen allerdings nicht einmal das siebte Jahr.

Insofern ist es wohl sinnvoll, die Liebe auf den zweiten Blick früher beginnen zu lassen. Ich halte sie nicht für Zufall, sondern für eine Bemühung, eine Aufgabe. Wenn ich 50 oder 60 Stunden arbeite, um Erfolg zu haben und meine Karriere voranzubringen, bleibt nicht viel Zeit, mich auf meine Partnerschaft zu konzentrieren. Trotzdem sagen die meisten Menschen, dass das Wichtigste in ihrem Leben Ehe und Familie seien. Diesen Widerspruch gilt es in sich selbst zu klären und entsprechende Entscheidungen zu treffen. Liebe auf den zweiten Blick hat etwas mit Realismus und Selbstliebe zu tun. Sie ist insofern nicht etwas das uns geschieht, so wie die Liebe auf den ersten Blick, sondern etwas, das wir machen, gestalten und pflegen.

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