Macht Ihre Ehe noch Sinn?

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Es ist nichts Ungewöhnliches. Eines Tages eröffnet der Mann seiner Frau, er habe „eine Neue“ und er werde sich von ihr trennen. Sie fällt aus allen Wolken, ist schockiert und der Schmerz brennt in ihrem Herzen.

Zwei Fragen tauchen auf: Wie kam es dazu? Und: Wäre es zu verhindern gewesen?

Warum der Mann sich eine Neue sucht

Es gibt schnöde biologische Erklärungen: Auf der animalischen Ebene ist die Kombination junge Frau mit reiner Haut plus wirtschaftlich und gesellschaftlich gefestigter Mann die Garantie für größtmögliche Überlebenschancen des Nachwuchses.

Es gibt psychologische Erklärungen: Ein Mann projiziert auf seine Partnerin einen Teil seines Unterbewusstseins (die sogenannte „innere Frau“, den weiblichen Teil seiner Seele). Je besser er seine Frau kennen lernt, desto schwieriger wird es für ihn, die reale Frau mit den projizierten Bildern in Deckung zu bringen. Wenn er die Spannung nicht mehr aushält, macht er sich auf die Suche nach einer neuen Projektionsfläche.

Wäre es zu verhindern gewesen?

So weit, so gut. Das sind biologische und psychologische Mechanismen, die im Unterbewusstsein ihre Wirkung entfalten. Ein dritter Bereich sollte im Idealfall diese Schichten überlagern. Man könnte ihn den Bereich des visionären Denkens nennen. Dieses ist umso freier, je mehr die oben beschriebenen Bereiche ins Bewusstsein gebracht wurden. Es geht nicht darum, biologische und psychologische Impulse zu unterdrücken, sondern ihnen mit Bewusstheit und Autonomie zu begegnen, wenn sie auftauchen.

Viele Paare haben zu Beginn ihrer Partnerschaft klare Vorstellungen davon, dass sie eine Familie gründen und ihren Kindern ein glückliches Zuhause bieten wollen. Diese Bilder sind oft durch die eigene Biografie geprägt; sei es, dass es genauso werden soll, wie man es selbst als Kind erlebt hat, oder dass es das berühmte „meine-Kinder-sollen-es-einmal-besser-haben-als-ich“-Syndrom ist.

Es lohnt sich genauer hinzuschauen, was hier die treibende Kraft ist. Unsere Gesellschaft schreibt Frauen immer noch die Mutterrolle als den wichtigsten Sinn ihres Daseins zu. Die aktuelle Diskussion über Krippenplätze und Betreuungsgelder macht es deutlich: wir wollen Frauen in erster Linie als Mütter sehen. Das ist das alte patriarchale Denken, die Überhöhung der Mutter bei gleichzeitiger Abwertung der Individualität der Frau selbst.

Was hat das Paar aber wirklich davon, eine Familie zu gründen? Es ist die Erweiterung der Paarbeziehung auf ein größeres Gemeinsames hin. Wenn dieses Gemeinsame in den Kindern selbst gesehen wird, fallen wir auf einen alten Fehler zurück, der ebenfalls Tradition hat: die Verwechslung der Metapher mit der Wirklichkeit; die Gleichsetzung von Bild und Botschaft. So wie es absurd ist, die Schöpfungsgeschichte in der Bibel als einen buchstäblichen Bericht zu lesen, so wenig macht es Sinn, den Kindern aufzuladen, sie seien der Sinn einer Ehe.

Im Idealfall führt die Ehe dazu, dass beide Partner über ihre Ich-Begrenzungen hinauswachsen können. Kinder sind insofern nicht der Grund der Ehe (und eine Ehe eben nicht sinnlos, wenn sie kinderlos bleibt), sondern ein Ausdruck der Transzendenz zweier miteinander verbundener Individuen. Aufgrund der Verwechslung von Bild und Botschaft werden jedoch die Kinder und der Umgang mit ihnen häufig über die Paarbeziehung gestellt. Das schädigt die Beziehung genauso wie die Kinder.

Wenn ein Paar sich den Sinn seines Zusammenseins vergegenwärtigt – zusammengefasst in den drei Punkten:

  • Polarität/Anziehungskraft
  • „Funke“ = „Zeugung“ zwischen den Polen
  • Transzendenz der beiden Individuen im Dienste des neu Erschaffenen

dann wird klar, dass Polarität und Anziehungskraft immer wieder erneuert werden müssen, um die „Fruchtbarkeit“ des Paares zu erhalten.

Diese Fruchtbarkeit kann sich dann naturgemäß in verschiedenen Lebensphasen in unterschiedlichen Schwerpunkten manifestieren:

  • in der Gründung einer Familie und der hingebungsvollen Versorgung der Kinder
  • in der Entwicklung und Erfüllung einer gesellschaftlichen oder gemeinnützigen Aufgabe
  • in der gemeinsamen Ausrichtung auf einem spirituellen Weg


Kurz gesagt: Eine Ehe kann der Quell von Kreativität, Inspiration und Verwandlung sein.
Oder sie kann sich verheddern in der Verwechslung von Bild und Botschaft. Dann wird der Streit über die Kindererziehung wichtiger als das Gespräch über den eigenen Lebenssinn; die Anziehungskraft erlischt und früher oder später geht wenigstens einer von beiden auf die Suche nach einem neuen Schöpfungspartner.

Was ist die gemeinsame Ausrichtung in Ihrer Partnerschaft? Was ist Ihre „Schöpfung“?

Eine Anleitung, Antworten zu diesen Fragen zu entwickeln, finden Sie auf Seite 16 in unserem kostenlosen Paarbuch „Zeit zu zweit“.

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