Geborgenheit

Was tun, wenn die Geborgenheit fehlt?

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Neulich machte mich eine Journalistin darauf aufmerksam, dass es in vielen Sprachen keine Entsprechung zu dem deutschen Begriff Geborgenheit gäbe. Ich habe natürlich sofort in mein englisches Wörterbuch geschaut und wurde bestätigt: die dürftige Übersetzung lautet „security“. Das ist natürlich weit entfernt von der Bedeutung von Geborgenheit. Welche Assoziationen haben wir bei diesem Begriff? Ganz bestimmt gehört dazu Sicherheit, aber eben auch Wärme, Zuwendung, Schutz, Verbundenheit, Austausch, Zugehörigkeit…

Geborgenheit ist etwas, das viele Paare in Ihrer Ehe als Bedürfnis beschreiben und als Mangel erleben. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe:

  1. Eine Paarbeziehung muss gepflegt werden. Vernachlässigen wir die Pflege (Gespräch, Freundschaft, Unternehmungen, Liebesleben), dann schwindet die Verbundenheit. Ohne Verbundenheit gibt es keine Geborgenheit. Wird die Pflege der Paarbeziehung also zu lange vernachlässigt, löst sich allmählich die anfängliche Geborgenheit auf.
  2. Fürsorge und das Angebot an Geborgenheit wird nach der Geburt der Kinder (natürlicherweise) vom Partner abgezogen und auf die Kinder gerichtet. Oftmals tun dann beide Partner zu viel des Guten und kümmern sich sehr ausgiebig um die materielle und emotionale Versorgung der Kinder, verlieren sich aber gegenseitig aus dem Fokus. Beide vergessen, das eigene Bedürfnis nach Geborgenheit zu formulieren, und über kurz oder lang wird es zum gegenseitigen Vorwurf, dass man sich nicht mehr sicher ist, beim Partner willkommen und geliebt zu sein.
  3. Erotik und Geborgenheit konkurrieren miteinander. Für lebendige Erotik muss der andere ein Stück weit fremd bleiben, ein anderer Pol sein, ein mehr oder weniger großes Maß an Unberechenbarkeit mitbringen. Das ist es, was die Anziehungskraft erhält und erneuert. Die Geborgenheit dagegen lässt einen Mutter Kind ähnliches Gefühl entstehen, indem wir uns zwar sicher und wohl fühlen, Sexualität aber verboten ist. Es gilt also die Kunst zu entwickeln, zwei freie und eigenständige Wesen zu sein, die aber gleichzeitig bereit sind, die Freiheit des anderen willkommen zu heißen.

Viele Paare sind schon ein Stück weiter im Verlust ihrer Ehe, weder Erotik noch Geborgenheit sind im irgendwie zufrieden stellenden Maß vorhanden. Das ist die Situation, in der sich beide entweder mit dem Minimum arrangieren, unterschwellig aber unzufrieden oder zornig sind, oder mindestens einer der beiden Partner sich aufmacht, ein neues Glück zu finden. Solange die Ehe oder Partnerschaft noch besteht, steht diese Suche jedoch unter einem schlechten Stern, denn ihr Ergebnis wird immer von schlechtem Gewissen begleitet.

Welche Möglichkeit gibt es, Geborgenheit (wieder) herzustellen?

  1. In jedem Fall ist es notwendig, sich ein Bild von der Verletzlichkeit zu machen, das hinter dem Wunsch nach Geborgenheit steht. Nur wenige Menschen sind mit einem so robusten Seelenleben ausgestattet, dass sie auf Geborgenheit verzichten können.
  2. Es ist hilfreich, sich den Unterschied vom erwachsenen und kindlichen Zustand zu machen. Die Begriffe Geborgenheit und Verbundenheit liegen eng beieinander — ich würde jedoch die Verbundenheit als die gereifte Form der Geborgenheit bezeichnen. Insbesondere auch, weil sie die Fähigkeit des Gebens von Geborgenheit mit einschließt.
  3. Aus der Fähigkeit zur Verbundenheit erwächst die Fähigkeit sich geborgen zu fühlen und Geborgenheit zu geben. Die Fähigkeit zur Verbundenheit ist direkt verknüpft mit der Bereitschaft, keine Kontrolle über eine gegebene Situation ausüben zu wollen. Keine Kontrolle bedeutet in anderen Worten, sich darauf einzulassen, nicht zu wissen, was als nächstes geschieht.
  4. Nicht kontrollieren ermöglicht innige Begegnung! Wer sich einlässt ohne bestimmen zu wollen, erlebt direkte Begegnungen. Diese können naturgemäß alle Gefühle enthalten — angenehme wie unangenehme. In der Bereitschaft, diese Gefühle wahrzunehmen, als die eigenen anzuerkennen und für sie verantwortlich zu sein, beginnt die Fähigkeit zur Verbundenheit. Wer mit sich selbst verbunden ist, kann auch mit anderen in innigen Kontakt gehen.

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