Anlässlich der Selbsttötung Robert Enkes hat ein Buch wieder Aktualität bekommen, das ich vor fünf Jahren gemeinsam mit dem amerikanischen Zen-Lehrer Gregory Campbell geschrieben habe. Bei allem Respekt vor Enkes Entscheidung, bleiben Zweifel ob er sich durch seinen Selbstmord wirklich befreit hat. Andererseits gibt es einige Antidepressiva, deren (inakzeptable) Nebenwirkungen eine verstärkte Neigung zum Selbstmord sind.

Wir beschreiben in „Gelassenheit – Die Hohe Kunst des Lebens und des Sterbens“ die verschiedenen Phasen, durch die ein Mensch während des Sterbeprozesses geht: Verweigerung, Aufbegehren, Verhandeln, Depression, Einwilligung, Ekstase.

Man kann das Leben auch so betrachten, dass der Sterbeprozess die ganze Zeit stattfindet und sich nur zum Ende hin extrem beschleunigt.

Wir gehen also nicht nur in unseren letzten Tagen durch die benannten Stufen. Ebenso erfolgen die einzelnen Phasen nicht notwendigerweise in der geschilderten Reihenfolge aufeinander; auch werden sie nicht nur ein einziges Mal durchlaufen. Desweiteren kann es passieren, dass bei einem Sterbenden einer dieser Zustände überhaupt nicht auftritt, und dass er dafür viel Zeit in einem anderen zubringt.

Von drei dieser sechs Stufen werden viele Menschen schon im Laufe ihres Lebens häufig vereinnahmt: Verweigerung, Aufbegehren und Depression. Die Entwicklung der Fähigkeit, die eigenen Strategien der täglichen Selbstisolation, der Wut, Angst, Trauer und Depression zu erforschen, gehört zu den wichtigsten Schritten in der Vorbereitung auf einen guten Tod.

Im innerlich gelassenen Zustand können wir einerseits ohne Ablehnung auf verletzende Situationen zurückblicken und andererseits tieferes, reiferes Mitgefühl gegenüber anderen empfinden. Hier folgen kurze Darstellungen der drei Zustände der Selbstisolation, die weit verbreitet sind:

Verweigerung


Viele Menschen verbringen ihr Leben in einem mehr oder weniger unbewußten Zustand der Ablehnung und Isolation.
Für einen Menschen, der unvorbereitet stirbt, entspricht dies einer „Nein, ich nicht“-Haltung. Vielleicht weigert er sich, darüber zu sprechen, dass er sterben wird, vielleicht will er auch allein sein oder nur Menschen sehen, die nicht wissen, was los ist.

Ein Mensch kann einige Zeit der Abwehr benötigen, um sich dem nahenden Tod gewachsen zu fühlen. Es braucht Zeit, sich auf den Verlust einzustellen und das Leid und den Schmerz zu akzeptieren. Manche Menschen verbleiben im Zustand der Ablehnung, bis sie sterben. Als Angehörige und Freunde eines Sterbenden sind wir oft mit unserer eigenen Haltung konfrontiert, die den Tod dieses Menschen abwehrt.

Dies kann zu äußerst schmerzhafter Sprachlosigkeit führen oder auch zu so bizarren Aussagen gegenüber Todkranken wie: „Du kommst schon wieder auf die Beine, du wirst schon sehen.“ Solche Äußerungen sind Gift für die Reifung der Seele, denn sie erzeugen Spannungen im Geist. Einerseits fühlt der Sterbende, dass das Leben zu Ende geht, und andererseits spürt er die Angst der Angehörigen, sich mit dieser Wahrheit zu konfrontieren.

Nicht nur Sterbende, sondern auch ihre treuesten Begleiter müssen sich mit der eigenen Ablehnung des Todes auseinandersetzen. In solchen Situationen können wir mittels Innenschau erforschen, ob das Leugnen des nahenden Todes aus uns selbst stammt oder von dem Sterbenden.

Innenschau ist die fortwährende Erforschung der eigenen Seele. Es ist eine Übung, bei der man sich selbst mit Aufmerksamkeit beobachtet und lernt, sämtliche Erlebnisse mit der Umwelt als Hinweise und Spiegel für das eigene Innenleben zu verstehen.

Aufbegehren

Wut ist meistens eine Maske für tiefere und schmerzhaftere Emotionen, die darunter versteckt liegen: Angst und Trauer. Wir dienen uns selbst und anderen am meisten, wenn wir die Stärke und Reife entwickeln können, unsere Wut, Angst und Trauer zu erforschen, bevor unsere Zeit zu sterben gekommen ist.

Bei einem Menschen, der unvorbereitet stirbt, ist dies die Phase des vorwurfsvollen Fragens: „Warum gerade ich?“, „Warum auf diese Weise?“ oder: „Warum so früh?“ Diese Emotion kann die Form von Zorn, Neid oder Vorwürfen annehmen oder auf vollkommen unbeteiligte Menschen projiziert werden. Der Sterbende sagt vielleicht: „Du liebst mich nicht!“, „Hoffentlich bin ich bald tot!“ oder: „Zur Hölle mit der ganzen Welt!“

Falls Sie für einen Sterbenden in dieser Phase sorgen, verleugnen Sie nicht seine Gefühle, sondern ermutigen Sie ihn, ihnen Ausdruck zu verleihen. Das Lösen angestauter Wut kann den Sterbenden dahin führen, leichter zu akzeptieren, was ihm geschieht, und es ermöglicht ihm, seine Angst vor dem Tod und seine Abschiedstrauer anzunehmen.

Bisweilen kann es ein Akt tiefen Mitgefühls sein, sich als Empfänger für die Wutausbrüche eines Sterbenden zur Verfügung zu stellen.
Da die Wut ohnehin in ihm ist, hilft es ihm, sich ihrer bewußt zu werden. Es ist ein Liebesdienst, sie zu empfangen, ohne darüber zu urteilen und ohne sich davon persönlich umwerfen zu lassen. Indem wir selbst die Situation mit möglichst großem Gleichmut anerkennen, können wir dem Sterbenden helfen, sein Zeugenbewußtsein zu stärken.

Depression

Wir sollten in unserer Zeit einiges über Depressionen wissen, denn viele von uns verbringen ihr ganzes Leben darin. Aber wir werden nicht viel darüber erfahren, wenn wir diese unangenehme Art und Weise der Lebensverweigerung nicht in uns selbst erkunden. Auch hier dienen wir uns und anderen am besten, wenn wir mit aller „not-wendenden“ Unterstützung aus der engen Trance unserer Gesellschaft ausbrechen, die versucht, den Mangel an tiefer Lebensfreude durch exzessiven Konsum oder aufgesetzten Spaß zu kaschieren.

Für den unvorbereitet Sterbenden ist dies die „Leider ich“-Phase. Dabei scheint es grundsätzlich zwei Arten von Depression zu geben: die reagierende Depression und die vorsorgliche Depression.

In der reagierenden Depression leidet der Mensch am Verlust der Fähigkeit zu arbeiten, am Leben teilzunehmen oder für sich selbst zu sorgen.

Die vorsorgliche Depression dagegen nimmt den Verlust der irdischen Familie und des irdischen Lebens voraus. Der Sterbende verschwindet schon einmal in der Depression, weil er ja ohnehin bald alles verlieren wird. Andere machen sich Gedanken darüber, wie es den zurückbleibenden Familienmitgliedern ergehen wird, wenn sie nicht mehr da sind. So vermeiden sie es, sich dem eigenen inneren Erleben zu öffnen. Auch dies ist eine subtile Form des Festhaltens am Leben und der eigenen „Unsterblichkeit“.

Alles, was hier über Sterbende gesagt wird, gilt genauso für die verlängerte Phase des Sterbens, die wir normalerweise unser Leben nennen. Wer in sein Leben schaut, entdeckt alle beschriebenen Zustände in mehr oder weniger deutlicher und häufiger Form.

Lesen Sie hier weiter, wie Sie per Selbstcoaching zu mehr „Gelassenheit im Alltag” kommen können.

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