Patchworkfamilien sind modern. Aber nicht alles, was modern ist, ist einfach und manchmal muss man ganz altmodische Regeln befolgen, um Neues erfolgreich zu gestalten.

Viele Familien brechen heutzutage auseinander, weil die beiden Partner sich nicht mit dem Lebensentwurf des jeweils anderen anfreunden können. Aufgrund relativ großer wirtschaftlicher Sicherheit und gleichzeitig gewachsener sozialer Akzeptanz für Scheidungen ist es viel einfacher geworden, eine unerfreuliche Ehe zu verlassen.

Leidtragende bei jeder Trennung sind die Kinder. Während die Eltern in sich stabil sind, zerbricht bei den Kindern die fundamentale ursprüngliche Erwartung, die sie in den Bestand der Familie haben. Sicher wäre es am besten, wenn junge Erwachsene zunächst ein Familientraining mitmachen würden, bevor sie miteinander eine Familie gründen. Da dies leider nicht der Fall ist, beginnen viele Schwierigkeiten aufs Neue, wenn sich die entstandenen halben Familien zu den sogenannten Patchworkfamilien verbinden.

In Patchworkfamilien gibt es zwei Arten von Kindern. Diejenigen, die Mann oder Frau oder beide aus ihrer/ihren vorangegangenen Partnerschaft/en mitbringen und die Kinder, die die beiden eventuell noch gemeinsam haben. Aus den familiensystemischen Erkenntnissen sind dabei drei Punkte besonders zu beachten:

Erstens – es gibt eine zeitliche Rangfolge. In der „normalen“ Familie besteht naturgemäß zunächst die Partnerschaft und dann kommen die Kinder. Damit ist es klar, dass das Fundament der Familie eine funktionierende Partnerschaft ist. In Patchworkfamilien ist dieses Naturgesetz außer Kraft gesetzt. Die Kinder sind bereits da und die neue Partnerschaft muß im Angesicht der Tatsache aufgebaut werden, dass die Folgen früherer Partnerschaften nicht nur sichtbar sondern immer auch vorrangig sind.

Anders gesagt: Wenn es den Partnern nicht gelingt, die Kinder des Anderen und seine Verpflichtung ihnen gegenüber als gegeben und vorrangig hinzunehmen, steht die Partnerschaft auf sehr wackeligem Grund. Gleichzeitig müssen beide Partner mehr als andere darauf achten, auch Zeiten für sich als Paar einzuräumen, die von diesen Zuständigkeiten frei sind. Denn bei einer gewöhnlichen Familie sind die Zeiten mit den Kindern dem Ergebnis der eigenen Partnerschaft gewidmet, was in einer Patchworkfamilie nicht zutrifft.

Zweitens – die neue Familie hat Vorrang vor der alten. Dies scheint dem eben Gesagten zu widersprechen, und macht damit deutlich, welche Zwickmühlen in einer Patchworkfamilie versteckt sind. Oftmals sind die Partner noch nicht im Reinen mit ihren früheren Beziehungen. Das kann die aus verschiedensten Gründen noch nicht erledigte Scheidung sein, ein fortgesetzter Streit um Unterhaltszahlungen oder die ewige Auseinandersetzung darüber, wer die Kinder wie lange haben darf, soll oder muß.

Anders gesagt: Wenn es den Partnern nicht gelingt, ihre vergangenen Beziehungen umfassend zu klären, tendieren diese unbereinigten Angelegenheiten dazu, den Brennstoff für Auseinandersetzungen in der neuen Beziehung zu liefern. Außerdem werden diese Streitigkeiten immer auf dem Rücken der Kinder ausgetragen, was möglichst zu vermeiden ist.

Drittens – Achtung gegenüber den vorangegangenen Partnern. Damit ein Mann und eine Frau in ihrer neuen Partnerschaft Seite an Seite ihr weiteres Leben bestreiten können, ist ein etwas altmodischer Vorgang hilfreich: Anerkennung, Achtung und Dank. Und zwar gegenüber denjenigen, von denen man sich im Streit getrennt hat.

Anders gesagt: Wenn es Mann und Frau nicht gelingt, ihren Groll und ihre Vorwürfe gegenüber ihren früheren Partnern aufzulösen, sind sie nicht frei, ihrer neuen Liebe Raum zu geben und es liegt immer noch jemand mit im Bett. Die Auflösung von Groll beinhaltet oftmals einen längeren und unangenehmen Erkenntnisprozess, den man nur zu gern vermeiden möchte, weil er damit zu tun hat, die volle Verantwortung für die eigene Situation zu übernehmen.

Im Idealfall treffen in der Patchworkfamilie zwei Partner aufeinander, die bereit sind, aus ihren Fehlern zu lernen und durch die Stürme des Lebens zu reifen. Dann besteht die Chance zu einer Partnerschaft, die mehr Raum für Individualität hat und in deren großzügiger Anerkennung des bereits gelebten Lebens des anderen eine Form der Liebe wächst, die nicht aus Bedürftigkeit, sondern aus Verantwortungsbewusstsein und Verbundenheit gespeist wird. Solche Partner können einen Raum schaffen, in dem sich alle Kinder wohl fühlen, ganz gleich welcher Herkunft.

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