Wem gehören die Kinder bei der Trennung?

Über nichts wird während und nach Trennungen von Paarbeziehungen so heftig gestritten wie über die Kinder. Wer darf wie viel Zeit mit ihnen verbringen? Wer muss sich wann und wie viel um sie kümmern? Mit wem leben sie zusammen und wer muss „verzichten“? Ein Paar kann sich fest vorgenommen haben, die Kinder aus den Trennungsschwierigkeiten herauszuhalten, doch den wenigsten gelingt dies. Warum?

So lange wie Eltern einen Anspruch oder ein Recht auf die Kinder für sich definieren, wird es auch Auseinandersetzungen darüber geben. Wenn Eltern, die sich trennen, nicht die Vertikalität der Eltern-Kind-Beziehung anerkennen, sehen sie sich selbst als Bedürftige innerhalb dieser Beziehung und reagieren daher auf den möglichen Entzug durch den anderen Partner mit kindlicher Eifersucht.

Die Vertikalität der Eltern-Kind-Beziehung ist die Grundlage einer gesunden kindlichen Psyche. Eltern sind auch dafür da, Grenzen zu ziehen, Verbote auszusprechen und Direktiven auszugeben.

Kinder müssen lernen, den Vorgaben der Eltern zu folgen und mit dem Frust umzugehen, wenn Dinge verboten sind oder es Zeit ist ins Bett zu gehen. Es versteht sich von selbst, dass dies jeweils zum Lebensalter und zur Entwicklungsstufe des einzelnen Kindes passen muss.

Aber Grenzen sind nicht nur Einengung, Grenzen geben auch Halt und Sicherheit.
Und genau das wird gebraucht in der Trennungssituation. Halt und Sicherheit sind das größte Bedürfnis der Kinder, wenn die Grundfeste ihrer Kindheit erschüttert wird, nämlich die Paarbeziehung ihre Eltern. Ich habe in diesem Zusammenhang schon auf öfter auf die empfehlenswerten Bücher von Michael Winterhoff hingewiesen.

Sobald wir in der Eltern-Kind-Beziehung vergessen, dass es Elternaufgabe ist, die Kinder zu lieben und zu versorgen, zu führen und zu halten, und uns stattdessen mit emotionaler Bedürftigkeit an die Kinder anlehnen, entsteht ein subtiler Kindesmissbrauch.

Ich verwende hier mit Absicht dieses harte Wort, da sich viele Eltern nicht klarmachen, welche Schäden sie in ihren Kindern hervorrufen, indem sie die zarten Grenzen der kindlichen Psyche missachten. Die Psyche eines Kindes lässt sich sehr leicht und sehr schnell beschädigen. Das Kind hat möglicherweise ein Leben lang mit diesen Schäden zu tun.

Kommt es zu einer Trennung der Eltern, so kann es geschehen, dass einer oder beide Partner regredieren. In einfacheren Worten: das bedürftige innere Kind meldet sich, leidet unter dem Entzug der emotionalen Versorgung und wendet sich mit dem Bedürfnis danach den Kindern zu. Diese haben jedoch in der verunsicherten Situation eine gänzlich andere Erwartung. Gerade jetzt bräuchten sie besonders stabile Eltern, die ihnen einen Ausweg zeigen oder zumindest ein Rollenmodell des reifen und erwachsenen Umgangs mit einer Trennung.

Meldet in dieser Situation der andere Elternteil eine Forderung nach Umgangszeiten oder eine Entscheidung über den Lebensmittelpunkt an, dann erwischt er den regredierten auf dem falschen Fuß. Gerade erst bei den Kindern angelehnt, wird ein zweites Mal der emotionale Halt entzogen. Das ist der Moment, in dem die heftigsten Auseinandersetzungen beginnen. In diesem Zusammenhang finde ich immer wieder die Worte Khalil Gibrans wegweisend:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Es sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selbst.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
und obwohl sie mit euch sind,
gehören sie euch doch nicht…
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben verläuft nicht rückwärts,
noch verweilt es beim Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.

Emotionale Bedürftigkeit ist kein Thema, das allein den Männern oder den Frauen zugeordnet werden könnte. Wir sind alle mehr oder weniger emotional vernachlässigt aufgewachsen und starten von daher mit Defiziten in unsere Paarbeziehungen.

Zu Beginn einer Partnerschaft stellt emotionale Bedürftigkeit dies auch kein besonders großes Problem dar. Zunächst spielen Erotik und Verliebtheitdie größere Rolle und lassen uns über kleine und große Defizite hinwegsehen. Im Verlaufe der Paarbeziehung kann jedoch emotionale Bedürftigkeit zu einem großen Hemmschuh werden, den jeder Partner für sich bearbeiten muss. Idealerweise geschieht dies, bevor es zur Trennung kommt – möglicherweise dient es auch dazu eine Trennung überflüssig zu machen.

Coach und Autor Henning Matthaei

Henning Matthaei ist Gründer des Partnerwerks, und seit 20 Jahren als Coach für mehr Gelassenheit in zwischenmenschlichen Beziehungen tätig. Er ist auch Autor des kostenlosen E-Mail-Kurses „10 Tipps für funktionierende Paarbeziehungen“.


3 Kommentare zu “Wem gehören die Kinder bei der Trennung?

  1. Hallo,
    ich bin sehr einverstanden mit Ihrem Artikel. Er ist keinesfalls zu hart verfasst, ganz im Gegenteil. Ich arbeite seit über 30 Jahren mit Kindern und Jugendlichen in versch. Einrichtungen des Förderschulbereichs (in Bayern). Meine Erfahrung ist die, dass die Kinder unter 6 Jahren teilweise sehr traumatisiert in unsere Gruppen kommen. Ältere Schulkinder und Jugendliche haben meist schon Strategien entwickelt, ihre Verletztheit nicht mehr so sehr nach außen zu tragen. Agressives Verhalten, Opferhaltungen u.ä.m. machen uns Erwachsenen dafür den Berufsalltag sehr schwer. Für manche KollegInnen ist es dann nicht immer nachvollziehbar, worauf die einzelnen Verhaltensweisen zurückzuführen sein könn(t)en. Elterngespräche mit getrennt lebenden Eltern sind zudem nur selten ausreichend zu führen, auch wenn bei den einzelnen Mitarbeitern durchaus Kompetenzen vorhanden sind.
    Im Laufe meiner über 30jährigen Berufstätigkeit sind die Probleme leider immer größer geworden und die Hilflosigkeit auf Seiten vieler Fachleute dementsprechend auch.
    Ich wünsche mir, dass Ihr deutlicher Artikel bei sehr vielen Menschen auf offene Ohren und offene Herzen stößt.

  2. Als betroffener Vater bin ich begeistert von der Klarheit und Schärfe dieses Artikels, der die wichtigsten Fallen in dieser Situation darstellt… und Handlungshilfen anbietet. Klasse!

  3. Zu den Grenzen und der emotionalen Bedürftigkeit – je nach Beziehung taucht das Problem, welches zu meiner Meinung nach Recht treffend als Kindesmissbrauch einstufst (der eben nicht immer körperlich sein muss) auch innerhalb einer scheinbar funktionierenden, da noch nicht offiziell getrennten, Partnerschaft auf – und das öfter als man denkt.
    Bei der Grenzsetzung habe ich leider, auch im direkten Umfeld, beobachten können, dass neben der emotionalen Bedürftigkeit auch Grenzen als Mittel der „Kriegsführung“ gegen den Partner gebraucht werden, indem diese von beiden Elternteilen (bewusst) völlig konträr gesetzt werden und persönliche Frustration infolge der Trennung eben wie so oft über das Kind ausgeübt werden und dieses als „stiller Bote“ herhalten muss.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.