Ich versteh dich einfach nicht

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Ein kleiner Satz mit großer Wirkung. Ist das Verhältnis zwischen zwei Partnern ohnehin schon angespannt, wirkte der scheinbar harmlose Satz „Ich verstehe dich einfach nicht“ wie ein Schlag vor den Kopf. Warum ist das so?

Erlebnisse und Reaktionen sind nicht identisch. Um diesen Sachverhalt zu erklären, möchte ich Ihnen das Konzept des inneren Richters vorstellen.

In jedem von uns existiert das, was ich den inneren Richter nenne. Er ist eine psychische Funktion, die sich im Laufe der Kindheit aus den moralischen Vorstellungen und Urteilen von Respektspersonen (insbesondere Eltern) herausbildet. Im Laufe der Zeit entwickelt das heranwachsende Kind ein Sensorium dafür, in welchen Aussagen und Handlungen anderer diese Urteile enthalten sein könnten.

Ziel und Aufgabe des inneren Richters war es ursprünglich, das Individuum vor weiteren direkten Verurteilungen zu schützen, indem es sich richtig verhält. Der innere Richter beginnt deshalb schon zu arbeiten, sobald wir mit unserer Umwelt in Kontakt treten.

Jeder Äußerung eines anderen Menschen wird daraufhin untersucht, ob darin ein Urteil steckt, das den verinnerlichten Maßstäben entspricht. Die Vorwegnahme möglicher Urteile durch andere führt jedoch zu nicht unerheblichen Missverständnissen, wie wir es beispielhaft an dem Satz ich verstehe ich einfach nicht betrachten können.

Irgendwann haben wir angefangen, den Urteilen des inneren Richters mehr Glauben zu schenken, als dem eigenen Wahrnehmen und Empfinden. Aus einem Satz wie „Ich verstehe dich einfach nicht“ werden dann Aussagen herausgefiltert, die denen ähneln, die wir früher schon gehört haben. Der innere Richter fertig sozusagen eine Übersetzung an. Diese Übersetzung ist immer brutal und gegen das Individuum gerichtet. Sie kann sich anhören wie folgt:

  • „Mich interessiert nicht, was du sagst.“
  • „Du bist einfach zu blöd.“
  • „Du bist ein hoffnungsloser Fall.“
  • „Du bist mir zu anstrengend.“


Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Übersetzung ein interner Vorgang ist.
Sie hat nichts mit dem zu tun, was der andere gesagt hat. Wir hören plötzlich eine andere (verinnerlichte) Stimme und reagieren auf die Gefühle, die diese Stimme hervorruft, anstatt auf unser eigentliches Gegenüber.

Die Lösung I

Jeder Angriff des inneren Richters lässt sich zurückverfolgen. Dann wird die ursprüngliche Verurteilung erkennbar und der Maßstab, an dem wir gemessen wurden, wird sichtbar. Erst dann ist es möglich, sich von der automatischen Reaktion zu befreien, die ansonsten das Unterbewusstsein beherrscht.

Statt eines Gegenangriffs gegen den Gesprächspartner können wir zunächst den inneren Richter zum Schweigen bringen. Haben wir dem inneren Richter klargemacht wer der Herr im Haus ist, wird das Gespräch entspannter und kann leicht fortgeführt werden. Sie können sich unser Arbeitsblatt zur Auflösung der Urteile des inneren Richters hier als PDF Datei herunterladen:
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Die Lösung II


Hat man einmal das Prinzip des inneren Richters verstanden, wächst auch das Verständnis für die Empfindlichkeiten anderer.
Dann lässt sich die Situation schon im Voraus entschärfen, indem der Satz „Ich kann dich einfach nicht verstehen“ ausgetauscht wird durch eine simple Aufforderung: „Erklär‘ mir das“. Dieser Aufforderung ist völlig frei von DU-Elementen. Sie macht einfach nur klar, dass ich selbst etwas nicht verstanden habe und eine Erklärung benötige.

Wenn Sie sich ausführlich mit dem Thema innerer Richter befassen wollen, empfehle ich Ihnen das Buch von Byron Brown: Befreiung vom inneren Richter.

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