Eine der häufigsten Beschwerden, die wir in unserer Beratungsarbeit hören, ist der Vorwurf, dass in der Beziehung zu wenig Sexualität gelebt wird. Dabei ist der Wunsch nach sexuellem Kontakt meist bei beiden Partnern vorhanden.

Sexualität ist eine tiefe Begegnung zwischen zwei Individuen. Gerade auf Grund dieser Tiefe birgt sie viele Schwierigkeiten und gehört zu den empfindlichsten Bereichen einer Paarbeziehung. Die am weitesten verbreitete Form, mit empfindlichen Bereichen umzugehen, ist sie voreinander zu verstecken. So wird über Sexualität in Paarbeziehungen häufig wenig gesprochen und irgendwann stellen beide fast, dass ihr Intimleben schon lange nicht mehr dem entspricht, was sie sich wünschen.

Das Problem beginnt meist schon Jahre zuvor. Der Wunsch nach Geborgenheit, Sicherheit und Aufgehobensein in der Paarbeziehung dämpft mit der Zeit die aufregenden Gefühle, die zu Anfang noch da sind, so lange man den anderen noch nicht so genau kennt. Aus gegenseitiger Rücksichtnahme einerseits und Scham andererseits entsteht ein Umeinander-Herum-Schleichen, Abwarten, wer den ersten Schritt tut oder der einfache Weg: sich jemand anderes suchen.

Viele Paare kennen den folgenden Verlauf:

Anfang, Mitte Zwanzig: Kennenlernen, Aufregung, Spannung. Der Wunsch nach emotionaler Geborgenheit trifft auf das jugendliche Lustfeuerwerk. In noch unreifer Vorstellung von einer Paarbeziehung glauben wir, dass wir unser Kinder-Ich (emotionale Bedürftigkeit) und unser Jugendlichen-Ich (drängende Hormone) behalten können.

Anfang/Mitte Dreißig: Kinder und Karriere fordern ihren Tribut. Abendliche Müdigkeit, den Kopf voller Aufgaben des nächsten Tages, vergessen wir uns daran zu erinnern, dass die Grundlage dieser Familie die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau war. Jetzt werden Pflichten absolviert und Kinder erzogen – Bedürfnisse und Wünsche werden zurückgestellt.

Anfang/Mitte Vierzig: „Wir haben uns auseinandergelebt!“ Darüber habe ich schon vor sechs Wochen geschrieben. Die eigentliche Bedeutung dieses nichtssagenden Satzes ist: “Ich habe meine Bedürfnisse völlig vernachlässigt. Zugunsten von Kindern und Karriere, um keinen Unfrieden zu stiften und um nicht in ein emotionales Achterbahnfahren zu geraten, habe ich lieber nichts gesagt, gewünscht, gefordert.

Der Übergang von der kindlichen und jugendlichen Liebe zur reifen, erwachsenen Liebe und Sexualität ist ein herausfordernder Weg. Der amerikanische Paartherapeut Dr. David Schnarch beschreibt das Problem als mangelnde Differenzierung. Differenziert werden sollen die polaren Gegensätze von Individualität einerseits und Verbundenheit andererseits. Verbundenheit ohne Individualität nennt er Verschmelzung (der Traum jugendlicher Liebhaber, vor allem Frauen), Individualität ohne Verbundenheit nenne ich Heldentum (besonders bei jungen Männern beliebt). Beide Formen sind einem Paar das Jahre oder Jahrzehnte Ehe hinter sich hat nicht angemessen.

Viele Beziehungen beginnen mit einem mehr oder weniger starken Grad an Verschmelzung. Im Laufe der Zeitwird mindestens einem von beiden dieser Zustand zu eng und er beginnt sich zurückzuziehen (mehr Individualität). Dieser Rückzug wird vom Gegenüber als Angriff interpretiert und die Reaktion darauf besteht entweder darin beleidigt zu sein, oder aus intensivem Werben und Hinterherlaufen, was aber noch mehr Rückzug verursacht, da es ein Versuch ist, den Individualisierungprozess zu stoppen. So beginnt sich eine Spirale unerfüllter Bedürfnisse zu drehen.

David Schnarch schreibt dazu in seinem Buch „Die Psychologie sexueller Leidenschaft“: „Wahre Liebe zu Ihrem Partner, Ihrer Familie und auch zu sich selbst zeigt sich vor allem darin, dass Sie in Ihrer Differenzierung vorankommen.“ Das bedeutet einerseits zu lernen sich besser abzugrenzen und den angemessenen Abstand zum Partner zu definieren; andererseits zu prüfen, wo und wann wir zugunsten der Beziehung über unseren Schatten springen können und wollen.

Da Sexualität von der gegenseitigen Anziehungskraft lebt, sind undifferenzierte Persönlichkeiten das Kernproblem sexueller Langeweile. Die persönliche Weiterentwicklung von Mann und Frau in Richtung stärkerer Unterscheidung von eigenen Standpunkten, Sichtweisen und Bedürfnissen auf seiten des Individuums sowie passenden Zugeständnissen und Geschenken auf seiten der Liebesbeziehung ist die Voraussetzung für das was Schnarch „Liebe für Erwachsene“ nennt.

Abschließend noch ein Zitat aus diesem empfehlenswerten Buch für alle, die sich durch ein 500 Seiten starkes Fachbuch durcharbeiten wollen:

Im Kapitel „Ihr sexuelles Potential: Starkstromsex“ schreibt Dr. Schnarch: „Die Schönheit der Sexualität liegt nicht in ihr, sondern in uns.“ Es gehe darum, dieses Schöne in uns nicht für einen späteren Zeitpunkt aufzusparen, sondern vielmehr es aus uns hervorzubringen. „Sexualität wird erst dann schön, wenn wir diese innere Schönheit in sie hineinintragen. Es hängt also nicht einfach nur davon ab, wer Ihr Partner ist, ob Sie verliebt sind oder ob Sie die richtigen Techniken beherrschen. Entscheidend ist wer Sie sind.“

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1 Kommentar zu “Zu wenig Sex oder zu wenig Liebe?

  1. Im Grunde stimme ich dem Zitat von Dr. Schnarch zu. Es ist nur so, dass die meisten von uns verlernt haben, diese (eigene innere) Schönheit zu sehen, weil Sex i.d.R. nach Außen bzw. auf den Partner gerichtet ist. Das Wohlbefinden des Partners durch mein Tun ist Gradmesser für meine Fähigkeit als Liebhaber/in und für die Qualität des Sex, den wir als Paar miteinander haben. Kommt einer der Partner nicht auf seine Kosten, ist die Krise vorprogrammiert.
    Ein Grund für dieses Dilemma ist, dass wir Sex meist Zielgerichtet (auf den Höhepunkt hin) praktizieren, dass wir uns ständig bewegen (müssen), um zum Ziel zu kommen. Dabei befinden wir uns selten im Hier und Jetzt, sondern immer schon ein paar Sekunden in der Zukunft. Deshalb können wir UNS selbst in diesen Momenten überhaupt gar nicht wahrnehmen, um wie Dr. Schnarch vorschlägt, die innere Schönheit (aus uns heraus) in den Sex hineinzutragen.

    Wenig Bewegung, Entspannung, der Blick auf das eigene Innere gerichtet und das Vertrauen, dass die unterschiedlichen Polaritäten von Mann und Frau die Energien ganz von allein ins Fließen bringen, sind ein Weg, um das, was wir sind, in unsere Sexulalität hineinzutragen. Das steht aber im krassen Gegensatz zu dem, was wir allgemein über Sex wissen, gelernt und, viel schlimmer, so lange praktiziert haben…

    Bleibt zu hoffen, dass sich auch beim Sex ein Sinneswandel vollzieht, der dazu beiträgt, dass wir uns trauen, unser Selbst beim Sex ganz einzugeben anstatt, wie bisher, unser Selbst beim Sex aufzugeben.

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