Wir versäumen in unserer Gesellschaft jungen Männern beizubringen, wie sie ihre Fähigkeit zur Reife bringen können, Liebe zu empfangen. Die Kapazität eines Mannes, Liebe zu empfangen, wächst mit seiner Fähigkeit, sich der Unterordnung seines kleinen Ichs in einen großen Zusammenhang zu stellen.

Wenn ein junger Mann weder durch mitfühlende ältere Männer noch durch einschneidende Schicksalsschläge dazu gebracht wird, seiner physischen Endlichkeit ins Auge zu blicken, bleibt er unfähig die Liebe einer Frau zu erkennen. Er sieht in ihr eher ein Bildnis seiner selbst, als dass er einen wirklichen Kontakt mit ihr herstellt, denn er ist stärker mit seinem jugendlichen Helden-Ich verbunden als mit ihr. Das trennt ihn und macht ihn unfähig, sowohl ihre Liebe als auch ihren Schmerz über sein Getrennt-Sein von ihr zu fühlen.

Das jugendliche Helden-Ideal ist das prägende Männer-Image unserer Gesellschaft. Wir bewundern einen Waschbrettbauch mehr als Falten im Gesicht. Wir hören lieber Erfolgsstories als Einsichten über den ewigen Wechsel von Entstehen und Vergehen. Wir sind nur am Mehr-Haben interessiert und nicht am Zur-Verfügung-Stehen.

Die Folgen dieser Haltung macht die Sage von Dädalos und Ikaros drastisch klar. Vater und Sohn waren gefangen genommen worden und auf eine Insel verschleppt, auf der es kein Holz für den Bootsbau gab. Beide aber, technisch begabt, sammelten Wachs und Federn, um sich daraus Flügel zu bauen. Dädalos warnte seinen Sohn Ikaros davor, zu hoch zu fliegen, da er der Sonne zu nahe Gefahr laufen würde, dass das Wachs seiner Flügel schmolz. Die Flucht gelang, doch Ikaros war so begeistert von seinem Werk, dass er zu hoch hinaus wollte. Das Wachs wurde weich, die Federn lösten sich und er stürzte ins Meer und versank.

Über kurz oder lang droht der Absturz aufgrund jugendlicher Überheblichkeit.

Eine Gesellschaft, die nicht von gereiften Männern geprägt ist, sondern von nach Anerkennung dürstenden, ewigen Jugendlichen, behandelt Frauen und Kinder nicht entsprechend deren Bedürfnissen. Vielmehr versucht der unreife männliche Geist alles andere in seine Strukturen einzupassen. Ich habe meine Zweifel, ob es sinnvoll ist, dass Kinder ganztägig betreut werden, um Frauen eine Teilhabe an männlich dominierten Arbeitsstrukturen zu geben.

Warum passen wir nicht die Arbeit dem Familienleben an, anstatt andersherum? Müssen wir den Kindern nach den Vätern jetzt auch noch die Mütter wegnehmen? In den Achtziger und Neunziger Jahren war es ein großes Thema, dass abwesende Väter Löcher in der Seele der Kinder hinterließen. Wir haben anscheinend nichts gelernt.

Da unreife Männer zu tiefen Beziehungen zu Frauen und Kindern nicht fähig sind, sondern an alle dieselben jugendlich-männlich geprägten Maßstäbe ansetzen, versäumen sie, Großzügigkeit, Freundlichkeit, Mitgefühl und Demut zu entwickeln. Für sie zählen Wettkampf, Auseinandersetzung, Durchsetzungskraft, Härte, Schlauheit, Tricks, Herrschaft und Sieg. Für junge Männer sind diese Kategorien notwendige Durchgangsstadien. Für eine Gesellschaft als Ganzes führen sie dazu, dass das gesellschaftliche Leben durch Neid, Missgunst, Korruption und Vorteilsnahme verseucht ist.

Der Weg vom unreifen zum weisen Mann ist ein sich lebenslang fortsetzender Prozess. Es gibt keine schnelle Lösung. Reife, Einsicht und Weisheit werden erworben, indem Erfahrungen von mitfühlenden Älteren, den Mentoren, begleitet werden. Aufgrund ihrer eigenen Lebenserfahrungen, aufgrund der Fehler, die sie selbst gemacht haben und deren sie sich weder schämen noch rühmen, führen sie den jungen Mann in die Begegnung mit sich selbst.

1 Kommentar zu “Männliche Reife

  1. Ich finde diese Gedanken sehr weise und würde gerne mehr darüber lesen. Bzw. würde mir wünschn, dass die Gedanken verbreiteter wären in der Gesellschaft. Vor allem die Erkennntis, dass die moderne Gesellschaft/Politik den Fehler macht, Frauen in die männlich dominierten Arbeitsstrulturen zu ziehen, statts den Mann mehr in die Sphäre des Familiären zu ziehen ist absolut zentral.
    Es geht dabei ganz und gar nicht um ein konservatives Familien- oder Frauenbild, sondern vielmehr um die These, dass Gleichstellung sich nicht nur am Leistungs-Stereotyp des Mannes orientieren sollte, sondern mindestens ebenso sehr an jenem der sog. weiblichen Sphäre und des Familiären. Die Gesellschaft wird doch nicht besser dadurch, dass alle zu karrieristisch Getriebenen werden, sondern dadurch, dass Fauen Gleichheit und Freiheit erkämpfen, die Männer sich im Gegenzug aber vermehrt dem Blick auf das menschliche Beisammensein, soziale Gefüge und empathische Strukturen widmen. In der politischen Landschaft sehe ich hierzu leider keine Position, die in diese Richtung geht. Das macht mich traurig, denn ich würde sehr gerne für eine solche Position (auch politisch) kämpfen.

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