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Was viele Frauen nicht verstehen...

Warum Männer verwirrt sind, wenn Frauen emotional werden

Foto: Kelly B.

Ich bedanke mich für die vielen Zuschriften und Kommentare zum vorigen Artikel. Heute möchte ich auf einen der Kommentare eingehen, da ich es für wichtig halte, das Thema in diesem Punkt zu vertiefen. Zunächst noch einmal ein Ausschnitt aus dem Kommentar:

„Warum sollten Männer in Babykarenz gehen und Verantwortung übernehmen, wenn die letztendliche Entscheidungsbefugnis bei der Mutter liegt. Warum heißt es Frauen in die Wirtschaft und in die Bundeswehr, wenn sie doch einen Beschützer und Zuhörer wollen und und und…
Die Männer werden immer verwirrter, wenn die Signale der Frauen widersprüchlich sind.”

Der wichtigste Satz in diesem Kommentar ist sicherlich der letzte. Die beiden vorausgehenden sind eine Illustration dieser Verwirrung. Ich will zunächst versuchen, die beiden Punkte aufzulösen und danach auf den Umgang mit „weiblicher Widersprüchlichkeit” eingehen.

Politik oder Mensch? Grundsätzlich mischen sich hier zwei Ebenen: Wenn ich über Männer und Frauen schreibe, adressiere ich vor allem individuelle Beziehungsfähigkeiten, die man entwickeln kann, wenn man dies möchte. Männer in Elternzeit und Frauen in der Bundeswehr sind dagegen politische Ideen, deren Sinnhaftigkeit diskussionswürdig ist.

Wir haben seit den siebziger Jahren mit der berechtigten Forderung der Frauen zu tun, gesellschaftlich denselben Einfluss haben zu wollen, wie ihn die Männer besitzen. Das ist eine einfache demokratische Forderung. Männer und Frauen machen jeweils etwa die Hälfte der Gesellschaft aus, warum sollten sie daher nicht gleiche Entscheidungsbefugnis über gesellschaftlich relevante Weichenstellungen haben?

Das Problem jedoch ist, dass wir uns (immer noch) in einer über Jahrtausende patriarchal geprägten Gesellschaft befinden, hierarchisch strukturiert und männlich dominiert. Um Frauen wirklich zu ihrem Recht zu verhelfen, müssten wir nicht nur mehr Frauen in die Führungsetagen bringen, sondern die Führungsetagen so umstrukturieren, dass sie zu 50 % weiblich funktionieren würden.

50% weibliche Führung – wie würde das aussehen? Darüber kann ich nur spekulieren und wünsche mir eher von Ihnen, dass Sie im Kommentarbereich unten Ihre Gedanken mitteilen, welche Qualitäten weibliche Führung mit sich bringen würde. Interessanterweise haben die meisten Großkonzerne bereits erkannt, dass Teams wesentlich besser funktionieren, wenn sie nicht ausschließlich aus Männern bestehen. Dennoch wehren sie sich mit Händen und Füßen dagegen, dass Quotenregelungen in der obersten Etage ankommen.

Die absurde Forderung, dass Frauen in die Bundeswehr müssten, ist ein Relikt aus der Hard-Core-Frauenemanzipation. Als es die Wehrpflicht noch gab, hätte man aus einer Wehrpflicht für Frauen eine berechtigte Forderung nach vollständiger Teilhabe an politischen Entscheidungen ableiten können. Das ist eine vollkommen verbogene Argumentation. Ich hätte es lieber gesehen, wenn die abgeschaffte Wehrpflicht durch eine Sozialdienstpflicht abgelöst worden wäre, die jungen Männern zeigt, dass der Dienst an der Gemeinschaft eine persönliche Reifung nach sich zieht.

Diese Erkenntnis streben die wenigsten jungen Männer von sich aus an, man muss sie dazu verpflichten. Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen Männern und Frauen: Frauen erleben während der Geburt und in der ersten Zeit danach eine Überwältigung ihrer Ich-Struktur durch die Anforderungen des Neugeborenen. Frauen werden also durch die Natur zur Verbundenheit gezwungen, während Männer dies durch die Gesellschaft lernen müssen. Eine Gesellschaft die es verpasst, ihren jungen Männern diesen Reifegrad abzuverlangen, tendiert dazu Frauen und Kindern gegenüber verantwortungslos zu sein.

Forderungen nach Quotenregelungen in Führungsetagen und Parteien sind ein Versuch, weibliche Umgangsformen in einer männlichen Struktur unterzubringen. Andersherum wird ein Schuh daraus: Wir müssen unsere Entscheidungsgremien und damit sämtliche Kommunikationsstrukturen so umbauen, dass sie mehr weibliche Elemente enthalten. Dieser Umbau muss so lange stattfinden, bis wir eine gesellschaftliche Verfassung erreichen, in der sich Männer und Frauen gleichermaßen anerkannt und gesehen fühlen. Und das wäre nichts anderes als die im vorigen Artikel erwähnte Verbundenheit.

Nun will ich jedoch auf die eigentliche Frage eingehen, die in dem Kommentar gestellt wurde:

Warum werden Männer verwirrt, wenn ihre Frauen widersprüchlich sind?

In dem Kommentar war dies nicht als Frage formuliert, sondern als Aussage. Ich kann diese Aussage bestätigen. Aus vielen Paarberatungen ergibt sich genau dieses Bild: die Frau versucht dem Mann mit allen möglichen Mitteln klarzumachen, dass sie sich nicht wahrgenommen fühlt und dass ihr echte Begegnung und echte Verbundenheit fehlt.

Er versteht jedoch diese verschiedenen Hinweise nicht, sondern erkennt lediglich, dass ihm jeden Tag etwas anderes erzählt wird.
Ihr Gedanke ist: „Gestern hat er nicht verstanden, wie ich es gemeint habe, also werde ich es ihm heute versuchen auf andere Weise klarzumachen.“ Sein Gedanke ist: „Gestern hat sie etwas völlig anderes gesagt. Was soll ich denn davon halten?“

Anstatt dass er der Sache auf den Grund geht und sie fragt, was sie meint, beginnt er zu argumentieren, dass sie nicht logisch denken würde
. Was für ein Unfug! Als ob es darum gehe, dass Beziehungen immer logisch sein müssten. „Heute hat es geregnet, obwohl es Januar ist. Das ist nicht logisch. Es ist Winter und es müsste schneien.“ Ich kann mich daran festhalten, dass das nicht logisch ist, aber die Natur schert sich nicht darum.

Der Versuch seiner Frau klarzumachen, dass sie nicht logisch denken würde, ist der Versuch die Unwägbarkeiten des Lebens abzuwehren. Es ist gleichzeitig der Versuch, seine eigene innere Widersprüchlichkeit nicht wahrzunehmen. Wir sind so verhaftet in unserer Art und Weise zu denken, zu leben und zu arbeiten, dass es uns als Bedrohung vorkommt, wenn wir Widersprüchlichkeit oder Paradoxien begegnen.

Indem Frauen immer wieder den Schwerpunkt Beziehung (Verbundenheit) in den Vordergrund stellen, stellen sie die männlich dominierte Lebensweise infrage, die sich in erster Linie an Logik und Effizienz orientiert. Damit werden auch persönliche Entscheidungen in Bezug auf Karriere, Arbeitszeit und Lebensplanung infrage gestellt.

„Warum habe ich keine Klarheit aus mir selbst heraus?“ Das ist die Frage, die daraus folgt, wenn ein Mann seiner Frau vorwirft, dass sie widersprüchlich sei. In dem Moment, in dem es emotional wird, sind viele Männer aus der Bahn geworfen. Sie halten es nicht aus, wenn ihre Partnerin traurig, wütend oder verzweifelt ist. Warum halten sie es nicht aus?

Gefühlsausbrüche der Partnerin wecken seine eigenen unerledigten Gefühle. Wenn er sich jedoch mit diesen Gefühlen auseinandersetzen müsste, wäre seine Funktionsfähigkeit in dem Leben gefährdet, das er sich eingerichtet hat. (Zumindest ist das die Fantasie dazu.)

Um zu lernen, mit einer Frau besser umzugehen, muss ein Mann lernen, mit sich selbst richtig umzugehen. Das bedeutet sich selbst kennenzulernen, seine tieferen Gefühle, Sehnsüchte und Motivationen zu fühlen und die Verantwortung dafür selbst übernehmen. Dies ist ein beständig fortlaufender Prozess. Seine Frau ist nicht dafür zuständig.

Ein Mann, der dazu nicht bereit ist, trägt unbewusst dazu bei, seine Frau in dieselbe Situation zu bugsieren, in der seine eigene Mutter gewesen ist. Anstatt dass er einen emotionalen und geistigen Schutzraum für seine Frau schafft, in der sie sich voll der Versorgung der Kinder widmen könnte, zwingt er sie mit seiner eigenen Bedürftigkeit dazu, ihre Kinder von Anfang an zu verlassen. Da beginnt die Unverbundenheit.

Coach und Autor Henning Matthaei

Henning Matthaei ist Gründer des Partnerwerks, und seit 20 Jahren als Coach für mehr Gelassenheit in zwischenmenschlichen Beziehungen tätig. Sein kostenloser Selbstcoaching-Kurs „Zeit zu zweit“ zeigt Paaren wie sie mehr Qualitätszeit miteinander verbringen können.