Belauschen wir ein fiktives abendliches Gespräch, das sich so oder ähnlich in vielen Wohnzimmern abspielen könnte:

Sie: »Ich war heute in der Mittagspause in der Stadt. Ein schickes neues Nachthemd habe ich gekauft. Soll ich es mal anziehen – oder bist Du schon zu müde?«

Er: »Weißt Du wie lange ich heute gearbeitet habe? Ich war um acht Uhr schon im Büro und habe dort über 12 Stunden ein Meeting nach dem anderen gehabt. Ich habe jetzt echt genug. Und gegessen habe ich auch den ganzen Tag nichts.«

Sie:» Du glaubst doch wohl nicht, dass ich jetzt noch zu kochen anfange. Ich hatte selbst genug zu tun. Der Chef hat mich heute wieder die ganze Zeit herumgeschickt. Ich war so froh als ich zwischendurch draußen war und dann auch noch das schöne Nachthemd gefunden hatte. Warum bist Du denn nicht einfach was essen gegangen? Ich versteh‘ Dich manchmal einfach nicht…«

Er: »Herrgottnochmal, lass mich einfach in Ruhe.«

SCHWEIGEN

Kennen Sie das? Sie hören zu, was Ihre Partnerin/Ihr Partner sagt und klammern sich am letzten Satz fest, der gesagt wurde. Die eigentlichen Botschaften wurden gar nicht gehört:

Sie: »Ich habe etwas Anzuziehen gekauft, das uns beiden Freude bereiten kann.«
Er: »Mein Tag war sehr anstrengend, ich bin völlig fertig.«
Sie: »Sorg‘ doch besser für Dich, so wie ich es für mich tue.«

Das Reagieren auf den letzten Teil einer Mitteilung führt dazu, dass viele Auseinandersetzungen fruchtlos bleiben. Indem sich die Gesprächspartner jeweils nur auf das letzte Stückchen der Aussage des anderen stürzen, wird keine Verst?ndigung erzielt und damit auch kein gemeinsamer Fortschritt ermöglicht.

Wer Fortschritt in der Verständigung will, muss sich klar machen, wozu der Mechanismus dient, einfach nur auf den letzten Satz zu reagieren.
Im vorigen Teil (Effektive Paarkommunikation Teil 2) haben wir beschrieben, dass die automatische Antwortmaschine im Kopf zu rattern beginnt, sobald unser Gegenüber den Mund aufmacht. Während die Maschine läuft, ist es sehr schwierig, den Inhalt dessen, was gesagt wird zu erfassen. Auf den letzten Satz reagieren wir deshalb, weil wir schlicht und einfach nicht aufmerksam genug zugehört haben.

Wer nicht richtig zuhört, versteht nicht, und wer nicht versteht, gibt unpassende Antworten. Das, was die meisten Schwierigkeiten in die Verständigung zwischen zwei Menschen hineinwirft, ist unser undisziplinierter Geist, der denkt, wenn er überhaupt nicht denken soll. Denken ist das Reagieren auf Eindrücke. Zuhören ist das Erfassen von Eindrücken. Zwei zeitlich und technisch vollkommen verschiedene geistige Zustände. Input und Output sozusagen.

Wenn ich meinen Output bereits beginne, bevor der Input sauber verarbeitet wurde, liefert die Maschine unkorrekte Ergebnisse. In der Industrie sind Montagsautos bekannt, aber das Wort bedeutet auch, dass den Rest der Woche kein Ausschuss produziert wird. Paarkommunikation kommt zum Erliegen, wenn es nicht gelingt, den größeren Teil der Kommunikation sauber zu führen.

In sauber geführter Kommunikation ist beiden Seiten klar, wann Sie Gedanken mitteilen (Output) und wann Sie Gedanken des Anderen empfangen (Input). Da die Gedanken jeweils komplett gesendet und empfangen werden, liegt kein Datenmüll mehr herum, auf dem die Liebe ausrutschen kann. Im übrigen ist dies ein Problem, das nicht nur in Paarbeziehungen zu viel Ärger führt, es ist auch einer der hauptsächlichen Erzeuger von Reibungsverlusten in der Kommunikation am Arbeitsplatz. Genau wie zuhause ist es notwendig, von Anfang bis Ende mit gleichbleibender Aufmerksamkeit zuzuhören.

Kann man Zuhören trainieren? Ja, man kann. Wie bereits gesagt, wirft die Maschine ungefragt Kommentare, Meinungen und vermeintlich wichtigere Gedanken auf den Platz. Das Training besteht also darin, dass Sie Ihrer Maschine beibringen, dieses unkontrollierte Herumwerfen mit Gedankenfetzen solange einzustellen, bis Sie die Botschaft Ihres Gegenübers erfasst haben. Man könnte solches Verhalten integer und achtungsvoll nennen. Zu Beginn wird die Maschine einen Machtkampf mit Ihnen versuchen. Das ist normal. Aber lassen Sie sie wissen, wer letztendlich entscheidet.

Indem Sie Ihre Maschine bändigen, werden Sie größere Freiheit erlangen. Der alte Satz »cogito ergo sum« – »Ich denke, also bin ich« hat zu Missverständnissen über das Denken geführt. Er bedeutet lediglich, dass wir kraft des Denkens uns über unsere eigene Existenz bewusst werden können. Er ist allerdings keine geeignete Ausrede, sich nicht über das rationale Gedankengefängnis hinauszuentwickeln.

Ein kurzer Moment ohne jeglichen Gedanken, ist ein Aufblitzen der Freiheit. Die Unendlichkeit zeigt sich dort, wo wir für einen Augenblick aufhören, die Realität permanent mental zu kontrollieren und zu kommentieren. Die Paarbeziehung kann als geistiges Trainingslager genutzt werden. Niemand drückt so gut auf alle Alarmknöpfe wie unser/e Liebste/r. Mit niemanden haben wir einen derart ausdauerndem Sparrings-Partner, das Empfangen, Wahrnehmen, Erfassen der Wirklichkeit zu üben, ohne uns verwickeln zu lassen.

Seien Sie gleichzeitig streng und freundlich mit sich: Erziehen Sie Ihren Geist dazu, nur über die Dinge nachzudenken, die Sie ihm erlauben. Und bleiben Sie großzügig; es geht nicht darum ein Ego zu vernichten, sondern lediglich darum, dem Werkzeug denkender Geist klar zu machen, wer der Herr im Haus ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.