Hilfe! Meine Frau (mein Mann) ist unordentlich

Ein beliebter Streitpunkt in Paarbeziehungen ist der unterschiedliche Ordnungssinn. Mal stört es die Frau, dass ihr Mann seine Socken und seine Bücher überall liegen lässt; mal ist der Mann nicht einverstanden damit, dass seine Frau ihre Schuhe nicht in den Schrank räumt oder die Kinder nicht auffordert, ihre eigenen Sachen wegzuräumen.

Wie bei allen Anlässen zu Streit und Auseinandersetzung ist es auch in diesem Fall von Nutzen, statt des Ärgers über das Verhalten des Anderen, die eigene Seite anzuschauen. Die eigene Empfindlichkeit, wenn er sich offenbar mehr um seine Arbeit kümmert, als um das Durcheinander zuhause; die eigene Ungeduld, die spürbar wird, wenn die Partnerin seinen Ansprüchen an Klarheit und Übersicht nicht entspricht.

Scheinbar banal – und häufig schämen sich Paare auch dafür, dass sie über solche Kleinigkeiten streiten. Sie sagen dann, es seien immer nur solche unwichtigen Angelegenheiten, wegen derer sie aneinander geraten. Es gäbe eigentlich keinen echten Grund. Nur dass es eben so furchtbar nervt, was der andere tut oder nicht tut.

In unserer Eheberatung müssen wir immer wieder darauf hinweisen, dass Veränderung nicht erzielt wird, indem man sie vom anderen fordert. Der Blick muss vom Gegenüber gelöst werden und möglichst genau verstanden werden, was im eigenen Inneren vorgeht. Wir nennen das gerne den Austausch von Selbstporträts. Je besser ich mich dem Anderen erklären kann, desto leichter haben wir es miteinander.

Das heisst nicht, dass Rechtfertigungen und Abwehr die Lösung sind. Im Gegenteil. Es sind drei Schritte die zur Lösung führen:

  1. Ich schaue in mich hinein und erkenne, was der innerste Beweggrund für meine Vorwürfe ist. Das ist immer ein nicht erfülltes Bedürfnis.
  2. Ich fühle, was die Nichterfüllung des zentralen Bedürfnisses ist, das durch das Verhalten des Anderen scheinbar angegriffen wird.
  3. Ich kommuniziere meinen (!) empfindlichen Punkt, mein Bedürfnis und einen Vorschlag, wie der Umgang mit meinem empfindlichen Punkt idealerweise wäre.


Was verändert diese Vorgehensweise? Sie führt zu Verantwortung statt zum Angriff.
Indem ich meine Partnerin/meinen Partner davon in Kenntnis setze, was in mir vorgeht, wie ich mich fühle und was ich brauche, hat sie/er eine Einsicht über mich und kann diese aufgreifen. Der Druck wird aus der Situation herausgenommen, weil ich nicht dem Anderen vorwerfe falsch zu handeln, sondern darlege, in welcher Weise sein Handeln auf mich wirkt. Sollte es zu häufig geschehen, dass trotz der Kommunikation grundlegender Bedürfnisse, diese dem anderen gleichgültig sind, ist möglicherweise eine Trennung der bessere Weg.

Jeder Mensch ist grundsätzlich bereit zu kooperieren.
Die Frage ist immer: Was stelle ich dem anderen in den Weg? Wie mache ich meinem Partner die Kooperation schwer oder unmöglich? Als Angriff formulierte Kommunikation ist bestens dazu geeignet, eine Mauer aufzubauen. Mitteilungen über eigenes Gefühl und die Wirkung dessen auf mich, was der andere sagt, reißen diese Mauer ein. Unklar formulierte Bedürfnisse oder als Gefühle getarnte Manipulation und Einflussnahme auf den Anderen lassen dessen seelische Alarmglocken klingeln. Zuneigung wird durch Ehrlichkeit gewonnen.

Offenheit und Ehrlichkeit sind kein Synonym für Brutalität. Es kursiert ein seltsames Ideal, dass Paare eine Streitkultur haben müssten. Darunter wird dann verstanden, dass man dem Partner möglichst ungefiltert die eigenen Befindlichkeiten um die Ohren haut. Das ist in keiner Weise, was ich mit Ehrlichkeit meine. Ehrlichkeit beginnt sich selbst gegenüber. Empfindliche Seiten aufspüren, erlauben und sich verletzbar machen.

Woher nimmt man den Mut verletzbar zu sein? Die meisten Menschen haben Schutzmechanismen und Schonhaltungen in ihre zwischenmenschlichen Beziehungen eingebaut. Die Bereitschaft verletzbar zu sein, wird von vornherein unterbunden durch die Angst (wieder) verletzt zu werden. Aber was wird tatsächlich verletzt, wenn ein Bedürfnis nicht erfüllt wird, das man erkannt und geäußert hat? Im schlimmsten Fall zerstört es die Illusionen, die man sich vom anderen oder von der Beziehung gemacht hat. Zerstörung von Illusionen mag schmerzhaft sein, ist aber ein Heilungs- und Reifungsvorgang.

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