Es gibt Menschen, die behaupten, dass sich alles menschliche Leben auf den Tanz der Hormone zurückführen ließe. Sie behaupten, es gäbe so etwas wie einen freien Willen nicht, vielmehr sei jede menschliche Handlung durch den Ausstoß körperlicher Steuerungsflüssigkeiten festgelegt. Selbst wenn sie Recht hätten: Man kann ihnen ja nicht glauben, denn ihre Aussagen sind natürlich triebgesteuert und wollen wahrscheinlich bloß Macht demonstrieren, um möglichst viele Weibchen zu erobern.

Mich interessieren diese Flachlandtheorien nicht besonders, weil sie das Wesentliche am Menschsein nicht erkennen können. Dieses Wesentliche nennt man im Abendland schon seit den Griechen die Seele, in der Tiefenpsychologie die Archetypen und im Osten den Pfad der Yogis und der Heiligen. Die Nichtbeschäftigung mit diesen sehr realen Bereichen der menschlichen Psyche trägt immer wieder zu Familiendramen bei, die zu vermeiden wären, wenn der Glaube an die ausschließliche Erklärungskraft naturwissenschaftlicher Konzepte wanken würde. Denn Biochemie reicht nicht aus, um das folgende zu erklären:

Im Freundeskreis verliebte sich ein Mann in eine Frau. Das ist ja nicht weiter schlimm könnte man denken, aber der Mann ist verheiratet, hat kleine Kinder und die Frau war eine Kundin von ihm. Was war passiert? Er liebte seine Frau und seine Kinder, aber eine mächtige Kraft in seinem Inneren riß ihn mit fort in eine Verliebtheit, die Ehe und Familie aufs Spiel setzte.

Heinrich Heine dichtete über diese Wellen seelischer Erregung:

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
Im Abendsonnenschein.
Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar;
Ihr goldnes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.

Ansatz einer (unwissenschaftlichen) Interpretation: Ich weiß nicht was mit mir los ist, ich bin so melancholisch und habe das Gefühl, dass mir irgendetwas fehlt. Besonders wenn ich alleine bin, komme ich in diese merkwürdige Stimmung. Da begegnet mir plötzlich eine Frau, die exakt ein Abbild meiner Seele sein könnte. Ich vergesse vollkommen wer und wo ich bin, ich sehe nur SIE. Und schließlich bricht mein ganzes Leben zusammen, weil ich meine Seele außerhalb meiner selbst zu finden versuche.

Dieser Fehler ist die häufigste Ursache für zerbrechende Ehen und Beziehungen. Der Mann projiziert die Schönheit seiner eigenen Seele auf die Frau, in die er sich verliebt. Nach einer Weile taucht aus dieser Projektion die wirkliche Frau auf und sieht der inneren Frau (der Seele) immer weniger ähnlich. An diesem Punkt hat er die Wahl: Beginnt er das Spiel von vorne, muß er die bisherige Partnerin verlassen und das neue Glück versuchen. Oder er macht sich auf die Suche und erforscht, was seine Seele ihm zu sagen versucht.

Eine wichtige Kommunikation mit der eigenen Seele ist das Entwickeln und Umsetzen einer Lebensvision. Eine inspirierende Vision oder Lebensaufgabe geht üblicherweise weit über die individuelle Leistungsfähigkeit in diesem Leben hinaus. Tatsächlich dient sie dazu, den männlichen Geist aus seiner Ichbezogenheit herauszutreiben, also transzendent zu werden. Er muss seine Beschränkungen durch Konventionen und Glaubensmuster auflösen und in das Reich von Intuition und Inspiration eintauchen.

Große Künstler und Dichter sind immer durch Frauen inspiriert gewesen, die ihnen als Spiegelbild ihrer Seelen dienten. Dantes Muse war Beatrice, Picasso hatte viele Frauen, genauso wie Goethe, der seinem Faust das Mädchen Gretchen als Projektionsfläche zur Seite stellt. Der Krieger Odysseus wird auf seiner Irrfahrt durch einen Kosmos weiblicher Wesenheiten geläutert, bevor er wieder als Ehemann nachhause zurückkehren darf. Und auch Jesus von Nazareth ist in seinen letzten Stunden von Frauen umgeben, während die Männer an seiner Seite nach und nach verschwinden.

Die dunkle Nacht der Seele ist in der modernen Fassung die Midlife-Crisis. Sie erzählt vom Verlust des Kontaktes zum Eigentlichen und der Irrfahrt des Geistes in einer Welt ohne Mitgefühl. Wer seiner Seele ein Gesicht geben will, kann ein einfaches Mittel anwenden: Schreiben Sie sämtliche Eigenschaften auf, die Sie an Frauen mögen. Danach schreiben Sie sämtliche Eigenschaften auf, die Sie an Frauen abstoßend finden. Das sind Licht und Schatten Ihrer inneren Frau. Geben Sie Ihr einen Namen. Er sollte nicht identisch sein mit dem Namen irgendeiner Frau, die Sie kennen. Es steckt alles in Ihnen, jede Anziehung und Abstoßung geschieht in Ihrem eigenen Geist. Die Frauen um Sie herum sind nur Frauen. Und sie geben sich selbst und Ihrer Frau eine Chance, dass sie sein kann, wer sie wirklich ist, wenn Sie Ihre Projektionen immer weiter auflösen…

Und wie ging es weiter mit dem verliebten Freund? Er machte sich auf die Seelensuche, neudeutsch:Vision Quest, und stellte fest, dass in seiner Vision eine Lebensaufgabe und Frau und Kinder viel Platz haben. Er kündigte seinen Job und suchte sich eine Stelle, in der er seiner Kreativität und Inspiration mehr Ausdruck verleihen konnte. Die Kundin, in die er sich verliebt hatte, erzählte ihm, dass sie immer irgendwie das Gefühl gehabt hatte, dass er nicht wirklich sie meint. Und seine Frau sagte: „Seit Du weißt, was Du willst, liebe ich Dich umso mehr.“

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1 Kommentar zu “Verliebtsein: Hormone oder Seele?

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