Was Zurückhaltung und Angriff verursacht und wie Sie mehr Klarheit in den Paardialog bringen können

RIMG0393Ohne Klarheit gibt es keinen Dialog. Wir können nicht von unserem Gegenüber erwarten, dass er sich als Übersetzer und Interpret unserer Geheimbotschaften betätigt. Insbesondere in langlebigen Paarbeziehungen gibt es fatale Annahmen wie zum Beispiel: “das musst du doch verstehen…”, “…. Du kennst mich schon so lange…”, “das versteht sich doch von selbst…”

Nichts versteht sich von selbst und schon gar nicht in einer Ehe, die einige Jahre auf dem Buckel hat. Im Gegenteil, je länger eine Beziehung dauert, desto mehr müssen wir uns im Detail erklären und verständlich machen. Dazu benötigen wir zwei Zutaten: Ausdauer und Gründlichkeit. Oder anders herum, zunächst die Gründlichkeit in der Selbstbeobachtung und dann die Ausdauer in der Beschreibung dessen, was über uns selbst in Erfahrung bringen konnten.

Die meisten Paare beherrschen die Kunst des Aneinander-Vorbei-Redens. Mit mehr oder weniger großer Ignoranz kann ausgeblendet werden, was der Andere gerade zum Gespräch beigetragen hat. Irgendwie ist man zwar physisch anwesend, doch die Ohren sind auf Durchzug und das Hirn nicht auf Empfang geschaltet. Welche Gründe gibt es dafür? Warum hören wir nicht richtig zu?

  • Unsere Gedanken sind gerade mit etwas ganz anderem beschäftigt, aber wir trauen unserem Gegenüber nicht zu sagen, dass wir jetzt nicht an einem Gespräch interessiert sind.
  • Wir können nicht zuhören, bevor uns nicht zugehört worden ist. Ich nenne dies gerne die notwendige Entladung. Solange meine Gedanken nicht beim Anderen landen können, habe ich auch keinen Platz für dessen Ideen und Wünsche.
  • Das, was der andere sagt, löst Widerstände und automatische Gegenreaktionen aus. Eine der unmittelbarsten automatischen Reaktionen ist das Ausblenden des Gegenübers.

Diese Punkte führen in einen Teufelskreis: wir hören einander nicht zu und können deshalb unsere Bedürfnisse nicht miteinander abstimmen. Die Bedürfnisse beider Seiten kommen zu kurz, was zu Enttäuschung führt. Wir sammeln die Enttäuschungen und werden allmählich unzufrieden. Die Unzufriedenheit wird dem Anderen angelastet, weshalb wir noch weniger miteinander sprechen. Hier beginnt der Kreis von vorn.

Partner sind verschieden, nicht nur weil sie Mann und Frau sind. Wir haben unterschiedliche Vorlieben, unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen, unterschiedliche Empfindlichkeiten. Niemand kann davon ausgehen, dass der andere das Innenleben seines Partners durchschaut. Immer sind wir aufgefordert — um der Liebe willen — Klarheit zu schaffen. Wir müssen erklären, warum wir wie auf einen bestimmten Vorwurf, eine bestimmte Frage, einen bestimmten Tonfall reagieren.

Dieser Weg ist manchen zu mühsam. Sie halten fest am romantischen Ideal, dass der Partner eine Mischung aus Mama und Gott ist. Ein Wesen,das alles sieht, versteht und verzeiht. Das ist das Festhalten an einem Kinderglauben, der einer reifen Beziehung unter Erwachsenen nicht gerecht wird. Wenn Sie Ihren Partner lieben wollen, sind Sie verpflichtet, so viel Klarheit wie möglich über sich selbst zu erlangen und diese Klarheit ins gemeinsame Gespräch einzubringen.

Wer am romantischen Ideal festhält, kommt nicht in der Realität an. Dann werden an den Partner weiterhin übermenschliche Erwartungen gestellt und diese zwangsläufig regelmäßig enttäuscht. In unserer Ignoranz lasten wir dies dem Partner an und sagen: ”Wenn du dich nur ändern würdest, wäre alles gut.”

Welche Lösung gibt es?

Selbstbeobachtung und Dialog!

Wann immer wir in automatischen Reaktionen landen, haben wir mehrfach die Wahl.

  1. Wir können wählen, unsere automatische Reaktion zu bremsen anstatt sie auszuagieren. Diese Form der Zurückhaltung legen wir den meisten Menschen gegenüber an den Tag. In einer lang andauernden Beziehung jedoch lassen wir seltsamerweise die Hemmschwellen fallen.
  2. Wir können wählen, unsere automatischen Reaktionen zu bedauern. Wer nicht geschult ist darin, seine Gefühle zu beobachten und zu verstehen, wird leicht von ihnen übermannt. Dann überschütten wir den anderen mit Gefühlen, die wir selbst zu verantworten haben. Das Bedauern darüber ist der Beginn der Umkehr.
  3. Wir können wählen, unsere automatischen Reaktionen besser zu verstehen. Dafür gibt es Techniken, die ich in verschiedenen Artikeln behandelt habe.

Der respektvolle Paardialog ist eine Quelle von Verständnis und Mitgefühl füreinander. Paare, die gelernt haben einander respektvoll zuzuhören, haben eine deutlich größere Chance eine intakte Beziehung zu führen, als diejenigen, die ihren Respekt voreinander verloren haben.

Hier ist die Kurzanleitung für den respektvollen Paardialog:

  • Schaffen Sie eine feste Zeit für einen regelmäßiges Paargespräch. Ideal ist ein wöchentlicher Termin von 1 bis 1,5 Stunden.
  • Legen Sie einen Ort fest, den Sie immer für Ihre Paargespräche aufsuchen. Er muss ungestört und angenehm sein.
  • Sorgen Sie dafür, dass Ihre Paarzeit respektiert wird. (Handy abschalten!)
  • Sprechen Sie von sich und über sich, anstatt den anderen zu beschuldigen, im Vorwürfe zu machen oder ihn zu interpretieren.
  • Stellen Sie Fragen anstatt Feststellungen oder Annahmen über den anderen zu machen.
  • Üben Sie einander zu Ende zuzuhören, automatische Reaktion zu bremsen und dem anderen Vertrauen zu schenken.
  • Bleiben Sie mit Ausdauer dran.

Das Wichtigste ist die Kontinuität. Es kann eine Weile dauern, bis Ihr Unterbewusstes dem Prozess des Paardialoges traut. Bleiben Sie am Ball und geben Sie nicht nach zwei Treffen auf. Mit der Zeit erstarken Vertrauen, Anteilnahme und Anziehungskraft durch die Magie des Dialoges.

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2 Kommentare zu “Verwirre mich nicht: Warum Ihr Partner Ihre Klarheit braucht

  1. Hallo, ich grüße Sie!

    An dieser Stelle möchte ich nur kurz berichten, dass ich diese Website von einer Freundin empfohlen bekam. Sie gefällt mir ausgesprochen gut und war für mich bis jetzt schon sehr hilfreich. Vielen Dank für Ihr Engagement und Ihre Unterstützung in  einer der schwierigsten Lebenssituationen, in der wir Menschen eigentlich nur Freude finden wollen und es doch so oft nicht schaffen.

    Mit vielen lieben Grüßen

    M. Meyer

     

     

     

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