Die Leidenschaft wieder entdecken Wenn eine Paarbeziehung älter wird, lassen Anziehungskraft und Leidenschaft häufig nach. Damit ist nicht nur die sexuelle Attraktion gemeint, sondern auch der Bereich, der Paaren häufig nicht unbedingt bewusst ist: der tiefere Grund für die gemeinsame Lebenszeit.

Wer sieht wen?
Foto: Hartwig HKD (Lizenz)

Zu Beginn wissen wir, das dies der/die Richtige ist. In der ersten Phase einer Beziehung wissen wir auf unbewusste Weise, dass dies ein besonderer Mensch ist, mit dem besondere Erfahrungen möglich sind. Und über diese besonderen Erfahrungen hinaus, ist dies ein Mensch mit dem gemeinsam wir etwas hervorbringen könnten, was mit keinem anderen Menschen in dieser Weise möglich wäre.

Unser Unbewusstes ist sich dessen vollkommen bewusst!

Die Beziehung nimmt ihren Lauf, wir führen ein normales Leben; manchmal werden Kinder großgezogen, manchmal genießt man die Zeit zu zweit und nutzt sie für Beruf, Freundschaften und Hobbies. Doch irgendwann wird man sich bewusst, dass man sich nicht mehr mit derselben Leidenschaft zueinander hingezogen fühlt.

Das ist der Beginn der Krise.

In der Krise wird bewusst, dass der tiefere Grund für die gemeinsame Lebenszeit ungewusst ist. Das Daran-Vorbei-Leben hat die gemeinsame Vision des Paares immer tiefer ins Unterbewusstsein gedrängt anstatt sie hervorzuholen. Nur wenige Paare verwirklichen gemeinsame Projekte, die über die Zweisamkeit hinausweisen. Das Nichtvorhandensein dieser Inspiration wird nun schmerzhaft bewusst.

Die Etiketten, die dieser Schmerz bekommt, sind allseits bekannt. Wir sagen dann Dinge wie diese: „Wir haben uns auseinander gelebt“; „Wir haben uns nicht mehr viel zu sagen.“ „Jeder von uns lebt sein eigenes Leben.“ „Wir sind ein gutes Team, funktionieren gut zusammen, aber wir wissen eigentlich nicht mehr, was uns verbindet.“

Bei Paaren, die gemeinsam Kinder großgezogen haben, wird diese Leere oft mit einer etwa fünfzehnjährigen Verzögerung spürbar. Wenn die Kinder nicht mehr die volle Aufmerksamkeit und Unterstützung der Eltern brauchen, wird beiden Partnern (nicht immer unbedingt gleichzeitig) bewusst, dass ihnen etwas gemeinsames fehlt, das über die beiden Einzelpersonen und das Paar hinausweist.

Ich möchte klarstellen, dass ich das Großziehen von Kindern für eine heroische Aufgabe halte. (Seit 9 Monaten erlebe ich es selbst noch einmal). Ich will aber auch darauf hinweisen, dass für viele Paare die gemeinsamen Kinder das einzige vorstellbare Projekt sind, wenn es um die Transzendenz der Zweierbeziehung geht. Der Wunsch nach Elternschaft muss jedoch nicht unbedingt physisch ausgelebt werden. Vielmehr geht es darum, sich in die geistige Elternschaft hineinzubegeben.

Die Füllung der erlebten Leere wird manchmal bei einem neuen Partner gesucht. Manchmal geht die Flucht in den Konsum, manchmal in den inneren Rückzug und die Resignation. Das Gefühl wächst, dass das Leben viel versprochen, aber wenig gehalten hat. Der häufigste Vorgang jedoch ist, dass der Partner dafür verantwortlich gemacht wird, dass man selbst seine Paarvision verloren hat.

Ein Paar das gelernt hat, seine geistige Elternschaft bewusst zu leben, hat es leichter, respektvoll und achtsam miteinander umzugehen. Da sich beide Partner derselben größeren Sache, denselben gemeinsamen Zielen verpflichtet fühlen, werden sie sich gegenseitig bei der Umsetzung dieser Aufgabe unterstützen, bisweilen auch herausfordern, nie jedoch den Respekt voreinander verlieren.

Warum ist das so?

Wer sich bewusst in die geistige Elternschaft stellt, lernt u.a. besser mit seinem inneren Kind umzugehen. Wenn wir unser inneres Kind freundlich und unterstützend wahrnehmen können, dann brauchen wir in der Paarbeziehung nicht mehr aus dem bedürftigen inneren Kind heraus zu handeln. Dazu gehört, dass wir selbst seine Bedürfnisse erfüllen und seinem Machtanspruch Grenzen setzen.

Indem wir Verantwortung für eine Aufgabe übernehmen, die über die eigene Persönlichkeit und Bedürftigkeit hinaus zielt, werden die unreifen und weniger entwickelten Teile der Persönlichkeit angeregt erwachsen zu werden. Wieviel größer wird dieser transformatorische Impuls, wenn wir nicht nur die eigene Unreife, sondern auch die Unreife der Paarbeziehung als Entwicklungsfeld akzeptieren?

Im Dienste einer größeren Aufgabe zu stehen, beziehungsweise für andere Menschen etwas zu tun, das der Evolution des Lebens dient, transzendiert Kleinlichkeit, Unzufriedenheit und Sinnlosigkeit.
Hat ein Paar diese gemeinsame Leidenschaft für das Leben wieder entdeckt, erlebt es seine Zweisamkeit eingebunden, unterstützt und gewollt.

Die Paarbeziehung wandelt sich vom Machtkampf zur Sinngemeinschaft,
von einer Einrichtung zur Erfüllung kindlicher Sicherheits-Bedürfnisse zu einer dynamischen Einheit, die auf das Wohl und die Entwicklung anderer Menschen, von Welt und Umwelt fokussiert ist.

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