Am vergangenen Wochenende erwischte mich wie derzeit viele andere ein kleiner Virus mit großer Wirkung. Eine Magen-Darm-Infektion führte zu den dazugehörigen, allbekannten körperlichen Reaktionen. Eigentlich nicht der Rede wert, doch das Interessante daran war, dass es während eines Seminars geschah. Glücklicherweise war ich diesmal nicht als Seminarleiter unterwegs, sondern als Teilnehmer.

Am Samstag während des Abendessens war es soweit. Mir wurde ganz flau und ich musste mich sofort hinlegen. Drei Stunden später erreichte die Krankheit ihren Höhepunkt und die folgende Nacht war recht unerträglich aufgrund von Kopf- und Bauchschmerzen. Den Sonntagmorgen und -vormittag verbrachte ich im leichten Dämmerzustand und stieß dann gegen 12 Uhr wieder zur Gruppe.

Diese Sequenz von etwa 18 Stunden brachte einige Einsichten hervor, die ich hier aufschreibe, um sie mir selbst zu vergegenwärtigen und Ihnen zur Verfügung zu stellen.

Krankheit ist eine Form von unvermeidlichen Schwierigkeiten, denen wir im Leben begegnen. Sie geschieht uns, genauso wie Verluste geschehen können, wie das Altern vonstatten geht und letztendlich der Tod eintritt.

Was Schwierigkeiten zu Leiden werden lässt, sind die Gedanken, die wir darüber haben. Gedanken, die in vielfältiger Form Widerstand gegen die aktuelle Situation leisten. In meiner Situation beispielsweise solche: „Ich müsste bei der Gruppe sein, um alles mitzubekommen.“ „Ich kann doch niemandem hier zur Last fallen, indem ich krank im Bett liege.“

Die erste Botschaft meiner Magen-Darm-Infektion lautet:
„Leiden ist mentales Aufbegehren gegen die unvermeidlichen Vorgänge des Lebens.“

Verknüpft mit dieser Neigung des Denkens, Widerstand gegen Unvermeidliches zu leisten, ist die Unfähigkeit Unterstützung anzuerkennen. Unterstützung wird uns jederzeit in unterschiedlichster Form zur Verfügung gestellt. Die meisten Menschen sind jedoch umfassend dazu konditioniert Unterstützung abzulehnen.

In meiner Situation: Ich hänge über der Kloschüssel und spucke. Es kommt jemand herein und fragt mich, ob ich etwas brauche. Die erste Reaktion, die mein Denken hervorbringt, lautet: „Nein, lass mich in Ruhe.“


Foto: Cyanocorax

Bei tieferer Betrachtung stelle ich fest, dass diese Reaktion in erster Linie von Scham verursacht wird. Ich will nicht, dass jemand mich sieht in einem Zustand, in dem ich die Kontrolle verloren habe. Es regiert nicht mehr mein Geist, sondern der Körper übernimmt mit voller Macht. Er hat die Kraft die Abläufe im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf zu stellen und Nahrung, die normalerweise von oben nach unten durch den Körper wandert, in entgegengesetzter Richtung wieder heraus zu befördern. Gegen all dies hat der Geist keine Chance. Er weiß das, er will es nicht wahrhaben und er will auf keinen Fall Zeugen dafür haben.

Die zweite Botschaft lautet daher:
„Der denkende Geist will um keinen Preis zugeben, dass seine Macht begrenzt ist.“

Wenn dieser Bann der Scham über Kontrollverlust und Schwäche gebrochen ist, ist das Angebot von Hilfe und Unterstützung ein so willkommenes, dass es das Herz zutiefst berührt. Da sitze ich in meinem schwächsten Moment auf dem Badezimmerfußboden und ein anderer Mensch nimmt sich meiner an, kümmert sich um mich und bietet mir seine Hilfe an.

In solch einem Moment der Schwäche, ohne zu zögern Hilfe annehmen zu können, könnte entgegen landläufiger Meinung ein Zeichen von Stärke sein.

Die dritte Botschaft – (nicht ganz einfach):
„Selbstvertrauen wächst in dem Maße, in dem der denkende Geist Kontrolle abgibt.“

Als ich nun am Sonntagvormittag in meinem dunklen und etwas muffeligen Krankenzimmer lag, hörte ich ab und zu im Nebenraum das Lachen der Gruppe. Dieses Lachen hatte etwas unglaublich Heilsames. Es trug die Botschaft mit sich: „Das Leben geht weiter, das Leben ist heiter.“ Es enthielt ein Stück Geborgenheit und in gewisser Weise war es nicht begrenzt auf den Raum, in dem es stattfand. Ich war mit einbezogen, ohne zu wissen worüber gelacht wurde.


Foto: Indichick7

Die vierte Botschaft:
„Du gehörst dazu, selbst wenn du nichts leistest.“

Als ich mein Krankenlager wieder verließ, hatte ich ein weiteres Aha-Erlebnis. Ich ging zur Gruppe und fragte scherzhaft, ob sie auch Kranke aufnehmen würde. Ich wurde freundlich begrüßt, und bekam sofort einen Platz eingerichtet.

Wir saßen in einem sonnendurchfluteten Raum, auf den Feldern vor dem Fenster lag noch Schnee und es herrschte große Ruhe und Freundlichkeit. Sie umhüllte mich, als sei ich gar nicht fort gewesen. Stärker konnte der Kontrast nicht sein. Es war warm, die Sonne schien, alles war ruhig und freundlich.

Besonders stark jedoch berührte mich die Verbundenheit, die ich mit allen Anwesenden verspürte. Für eine Weile war es allzu deutlich, wie kostbar ein Menschenleben ist. Ich hätte keinen der Anwesenden missen wollen. Jeder Einzelne erschien mir in seiner Besonderheit einzigartig und wertvoll. Und die Gegenwart aller war ein Segen.


Foto: WTL Fotos

Die fünfte Botschaft:
„Wache Präsenz ist ein Geschenk, das in jedem Menschen zur Verfügung steht. Wir müssen nur im richtigen Moment hinschauen.“

Da ich niemandem eine Magen-Darm-Infektion wünsche und auch nicht immer die glücklichen Umstände zur Verfügung stehen, in denen mich die Krankheit ereilt hat, habe ich gedacht, es könnte hilfreich sein, meine Einsichten auf diese Weise mitzuteilen.

Bleiben Sie gesund und genießen Sie Ihr Leben!

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