Existenzangst

Ist Existenzangst real oder überflüssig?

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Webmasterfriday hat gefragt ob Existenzangst überflüssig sei.

Zunächst ist dafür zu klären, was wir unter Angst verstehen. Danach ist zu prüfen, wie real die so genannte Existenzangst ist.
Die einfachste Definition von Angst ist vielleicht etwas wie:
„Ein Flucht oder Angriff auslösendes Gefühl der Bedrohung.”

Wenn mich etwas erschreckt, laufe ich entweder davon, um dem angsteinflößenden Gegenüber oder Zustand zu entkommen, oder ich gehe zum Angriff über, um das Bedrohliche aus der Welt zu schaffen. Mal ist das eine sinnvoller, mal das andere. Angst ist insofern etwas Gesundes, weil vorbereitendes Gefühl für eine Lebenserhaltungsmaßnahme.

In der Kombination mit Existenz wird der Begriff Angst vielschichtiger. Meinen wir die materielle Existenz, die physische Existenz, die soziale Existenz? Allen gemein ist die Eigenschaft der Vergänglichkeit. Besitz, öffentliche Anerkennung und letzlich auch unser Körper sind dem Gesetz von Entstehen und Vergehen unterworfen. Davor Angst zu haben ist berechtigt, aber nur begrenzt hilfreich.

Es stellt sich also eher die Frage, wie ich auf die „natürliche Bedrohung” durch die Vergänglichkeit reagiere. Ich kann mich nicht davor schützen alt zu werden und eines Tages zu sterben. Aber ich kann mir überlegen, in welcher inneren Verfasstheit ich sein will, wenn es soweit ist. Desweiteren kann ich mir überlegen, dass es sinnvoll ist, auf diese gewünschte Verfasstheit möglichst direkt und alsbald zuzuarbeiten, da ich den Zeitpunkt meines Todes nicht voraussehen kann. Flugzeugabsturz in Frankreich und multirestistente Keime in Krankenhäusern sind nur zwei der aktuellen Nachrichten zu diesem Thema.

Die Unausweichlichkeit des physischen Todes beiseite lassend, wenden wir uns der sozialen und der materiellen Existenz zu. Beide sind in unserer Gesellschaft extrem eng miteinander verzahnt. Wir setzen großen Besitz mit Reputation gleich, Armut mit Asozialität. Wie berechtigt das ist, stelle ich in Frage. Entsprechend ist ein finanzieller Abstieg eine Bedrohung unserer sozialen Stellung. Paradebeispiele sind im Mythos Hiob und in der Gegenwart Middelhoff.

Dieser Verlust der sozialen Stellung stellt aus meiner Sicht die schwierigere Seite der Existenzangst dar. Der Mensch ist ein soziales Wesen und ist auf zwischenmenschliche Beziehungen angewiesen. Bedroht eine finanzielle Not unseren Status (Wohnumfeld, Auto, Urlaube, Ernährung) entsteht das, was wir Existenzangst nennen.

Diese Existenzangst ist vollkommen unabhängig vom Einkommensniveau! Entscheidend für die gefühlte Bedrohung ist, wie sehr sie mich aus meinem sozialen Kontext herauszukatapultieren droht.

Im Falle einer finanziellen Not kappen wir selbst das Vertrauen in unser soziales Netz. Es ist uns peinlich bedürftig zu sein. Man fühlt sich nackt, hilflos, machtlos. Und in gewisser Weise stimmt das: Machtlosigkeit geht in unserer Gesellschaft mit Geldmangel einher. Wären wir eine auf Weisheit statt auf Besitz orientierte Gesellschaft, würde eine schmale Brieftasche keinen Verlust an Reputation bedeuten.

Der entscheidende Punkt ist aber der Verlust des Selbstwertgefühls, das überhaupt nicht in Geldmaßstäben misst oder meßbar ist. Und wenn das Selbstwertgefühl zerstört ist, beginnt die eigentliche Machtlosigkeit, da dann auch die Energie sich für sich selbst einzusetzen erlischt. Der schlimmste Ausweg ist dann der Freitod, der der völligen Unerreichbarkeit für die vorhandene Unterstützung aus dem Umfeld folgt.

Auswege aus der Existenzangst

Zwei Wege sind parallel zu begehen:

  1. Die kognitive Trennung von Besitz und sozialer Bindung. Man kann mit Geld nur scheinbar Beziehung und Zuneigung kaufen, der Zweifel bleibt, ob man wirklich gemeint ist. Die Besitzgesellschaft ist nur eine unter vielen möglichen Wertorientierungen. Die zugehörigen Fragen sind:
    Welche Werte haben für mich oberste Priorität?
    Wem bin ich treu?
    Was brauche ich zum Leben?
  2. Ein Weg der Verinnerlichung. Kontemplative Praktiken zielen darauf, unsere Wahrnehmung von der Welt und deren Bewertung und Interpretation voneinander zu lösen. Die Fähigkeit nicht mit vorgefertigter Emotion auf ein beliebiges Ereignis zu reagieren, kann man mit menschlicher Reife beschreiben.

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