Sprung in die Tiefe
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Webmasterfriday hat gefragt ob Existenzangst überflüssig sei.

Zunächst ist dafür zu klären, was wir unter Angst verstehen. Danach ist zu prüfen, wie real die so genannte Existenzangst ist.
Die einfachste Definition von Angst ist vielleicht etwas wie:
„Ein Flucht oder Angriff auslösendes Gefühl der Bedrohung.”

Wenn mich etwas erschreckt, laufe ich entweder davon, um dem angsteinflößenden Gegenüber oder Zustand zu entkommen, oder ich gehe zum Angriff über, um das Bedrohliche aus der Welt zu schaffen. Mal ist das eine sinnvoller, mal das andere. Angst ist insofern etwas Gesundes, weil vorbereitendes Gefühl für eine Lebenserhaltungsmaßnahme.

In der Kombination mit Existenz wird der Begriff Angst vielschichtiger. Meinen wir die materielle Existenz, die physische Existenz, die soziale Existenz? Allen gemein ist die Eigenschaft der Vergänglichkeit. Besitz, öffentliche Anerkennung und letzlich auch unser Körper sind dem Gesetz von Entstehen und Vergehen unterworfen. Davor Angst zu haben ist berechtigt, aber nur begrenzt hilfreich.

Es stellt sich also eher die Frage, wie ich auf die „natürliche Bedrohung” durch die Vergänglichkeit reagiere. Ich kann mich nicht davor schützen alt zu werden und eines Tages zu sterben. Aber ich kann mir überlegen, in welcher inneren Verfasstheit ich sein will, wenn es soweit ist. Desweiteren kann ich mir überlegen, dass es sinnvoll ist, auf diese gewünschte Verfasstheit möglichst direkt und alsbald zuzuarbeiten, da ich den Zeitpunkt meines Todes nicht voraussehen kann. Flugzeugabsturz in Frankreich und multirestistente Keime in Krankenhäusern sind nur zwei der aktuellen Nachrichten zu diesem Thema.

Die Unausweichlichkeit des physischen Todes beiseite lassend, wenden wir uns der sozialen und der materiellen Existenz zu. Beide sind in unserer Gesellschaft extrem eng miteinander verzahnt. Wir setzen großen Besitz mit Reputation gleich, Armut mit Asozialität. Wie berechtigt das ist, stelle ich in Frage. Entsprechend ist ein finanzieller Abstieg eine Bedrohung unserer sozialen Stellung. Paradebeispiele sind im Mythos Hiob und in der Gegenwart Middelhoff.

Dieser Verlust der sozialen Stellung stellt aus meiner Sicht die schwierigere Seite der Existenzangst dar. Der Mensch ist ein soziales Wesen und ist auf zwischenmenschliche Beziehungen angewiesen. Bedroht eine finanzielle Not unseren Status (Wohnumfeld, Auto, Urlaube, Ernährung) entsteht das, was wir Existenzangst nennen.

Diese Existenzangst ist vollkommen unabhängig vom Einkommensniveau! Entscheidend für die gefühlte Bedrohung ist, wie sehr sie mich aus meinem sozialen Kontext herauszukatapultieren droht.

Im Falle einer finanziellen Not kappen wir selbst das Vertrauen in unser soziales Netz. Es ist uns peinlich bedürftig zu sein. Man fühlt sich nackt, hilflos, machtlos. Und in gewisser Weise stimmt das: Machtlosigkeit geht in unserer Gesellschaft mit Geldmangel einher. Wären wir eine auf Weisheit statt auf Besitz orientierte Gesellschaft, würde eine schmale Brieftasche keinen Verlust an Reputation bedeuten.

Der entscheidende Punkt ist aber der Verlust des Selbstwertgefühls, das überhaupt nicht in Geldmaßstäben misst oder meßbar ist. Und wenn das Selbstwertgefühl zerstört ist, beginnt die eigentliche Machtlosigkeit, da dann auch die Energie sich für sich selbst einzusetzen erlischt. Der schlimmste Ausweg ist dann der Freitod, der der völligen Unerreichbarkeit für die vorhandene Unterstützung aus dem Umfeld folgt.

Auswege aus der Existenzangst

Zwei Wege sind parallel zu begehen:

  1. Die kognitive Trennung von Besitz und sozialer Bindung. Man kann mit Geld nur scheinbar Beziehung und Zuneigung kaufen, der Zweifel bleibt, ob man wirklich gemeint ist. Die Besitzgesellschaft ist nur eine unter vielen möglichen Wertorientierungen. Die zugehörigen Fragen sind:
    Welche Werte haben für mich oberste Priorität?
    Wem bin ich treu?
    Was brauche ich zum Leben?
  2. Ein Weg der Verinnerlichung. Kontemplative Praktiken zielen darauf, unsere Wahrnehmung von der Welt und deren Bewertung und Interpretation voneinander zu lösen. Die Fähigkeit nicht mit vorgefertigter Emotion auf ein beliebiges Ereignis zu reagieren, kann man mit menschlicher Reife beschreiben.

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2 Kommentare zu “Ist Existenzangst real?

  1. GW: Das Thema Existenzangst kenne ich persönlich. Da ich das Thema auf verschiedenen Wegen und in vielen Varianten auch von meinen Patienten und Klienten präsentiert bekomme, ist es stets aktuell. Deshalb schreibe ich auch hier einen Kommentar dazu. Zudem habe ich das Thema auf meinem eigenen Blog aufgegriffen.

    Zu: Zunächst ist dafür zu klären, was wir unter Angst verstehen. […]

    GW: Es gibt zu dem Gefühl “Angst” noch andere Reaktionsmuster wie Flucht oder Kampf. Sie kommen etwas weniger oft vor. Das eine ist Erstarrung und das andere Ignoranz. Eine Erstarrung könnten wir auch als übersteigerte (die Flucht in die eigene Person) oder verhinderte Flucht betrachten. Die Ignoranz in diesem Sinne ist dann der übersteigerte oder verhinderte Kampf.
    Diese Bandbreite an Reaktionsmustern (und wahrscheinlich noch mehr) gibt es bei dem Gefühl einer erheblichen Bedrohung jeglicher Form (physisch/materiell, sozial/seelisch/emotional).
    Und was ich als Bedrohung in welcher Stärke bewerte, liegt an meinen angeborenen und erworbenen Erfahrungen wie auch an meinem aktuellen Zustand (so verändert sich z.B. die “Angstschwelle” mit dem Alter, und zwar in jede Richtung). Die angeborenen Erfahrungen lassen sich in der Regel nicht verändern. Doch neue Erfahrungen und Verhaltensweisen lassen sich aneignen, trainieren und in den Alltag integrieren (Gewohnheiten, Rituale,…).

    Damit erhöhe ich meine möglichen Reaktionsmuster, erweitere meine Verhaltensweisen, steigere meine Resilienz und gleichzeitig Lebensqualität.
    Denn um meine “Lebensqualität” geht es im Grunde. Wie empfinde ich mein Leben, fühle ich mich damit wohl. Zumindest lässt sich das Thema auch von dieser Seite her gut betrachten und darüber Lösungen finden.

    Zu: Der Verlust der sozialen Stellung stellt aus meiner Sicht die schwierigere Seite der Existenzangst dar…

    GW: Selbstwert, Selbstbewusstsein, Verlust.
    Eine soziale Stellung ergibt sich (wie das Wort “sozial” vermittelt) vor allem aufgrund einer Wertung anderer Menschen. Die Wertung, und damit die Stellung, kann sich ändern ohne persönlich unmittelbar darauf einwirken zu können. Das kann ich als Verlust bezeichnen und das führt häufig zu Angst, Existenzangst. Es wäre ein Gewinn, wenn ich an anderer Stelle dadurch mehr Lebensqualität gewinne. Die Chance das zu erkennen, liegt in anderen Betrachtungsweisen auf die aktuelle Situation.

    Dann stelle ich mir noch die Frage, kann ich etwas, das mich als Individum betrifft, verlieren? Gewicht, Körperglieder, Haare, Organe, Bewusstsein, sind Begriffe, die wir im Volksmund gern mal “verlieren”.
    Zum Beispiel: ich habe “10 Kilo”, den “Kopf”, mein “Herz” verloren; das war mir nicht bewusst (der Ex-Kanzler Kohl hatte seinen “Blackout”).
    Vielleicht hilft hier ebenfalls eine andere Betrachtungsweise weiter. Ich habe etwas Neues/Anderes gewonnen oder dazu bekommen. Leichtigkeit z.B. statt verlorenes Gewicht, oder eine Liebschaft statt verlorenem Herz.
    Blicke ich von einer anderen Seite auf einen “Verlust von Selbstwert und Selbstbewusstsein”, sehe ich im Prinzip etwas anderes, das mehr im Fokus steht. Praktisch ist mein ursprüngliches Selbstbewusstsein oder mein Selbstwert verdeckt. Sehr wahrscheinlich ist aber alles noch da, da ich ja noch lebe. Ein neuer Blickwinkel oder Standpunkt ist da hilfreich.

    Zu: Auswege aus der Existenzangst – Zwei Wege sind parallel zu begehen[…]

    GW: Ich kann mir mit Geld sehr wohl Beziehung und Zuneigung kaufen! Sie wird nur ohne Geldfluss versiegen, keinen Bestand haben. Das ist nicht nachhaltig. Mit “bedingungsloser Liebe” ist das anders. Doch in der Natur, und das ist das “Leben”, kommt eben alles vor. Relativ selten kommt die bedingungslose Liebe zum Zuge, die wir nicht “machen” können.

    Die Idee der zwei parallel zu gehenden Wege ist eine von vielen Lösungen. Auf jeden Fall halte ich für zweckmäßig, sich näher und länger mit dem belastenden Thema zu beschäftigen. Das ist wie ein Training für eine neue Sportart. Am Anfang fällt es einem schwer. Doch nach einiger Zeit wird es leicht und spielerisch. Das erinnert uns vielleicht an die Kindheit: krabbeln, knien, aufrichten, langsam stolpern, irgendwann alleine stehen und dann gehen. Immer wieder probieren. Das beinhaltet Versagen wie Erfolg!
    Wenn wir unter vielen verschiedenen Bedingungen trainiert haben, werden wir Meister. Das Leben wird leichter und meist freudiger.
    In diesem Sinne wird Existenzangst kleiner und weniger wichtig. Die Lebensqualität wird größer.

    Für die Menschen, für die Existenzangst ein Thema ist, empfehle ich daher:

    – sich auf das Thema einlassen und unter möglichst vielen Aspekten betrachten und damit spielen (ausprobieren, experimentieren)
    – sich viel Zeit geben
    – sich andere Menschen als Spiegel und Trainingspartner auswählen (Hilfe in Anspruch nehmen ist sehr weise!)

    Zum Schluß ein kleiner, vielleicht zynischer/sarkastischer, Trost:
    Das ist alles nicht so leicht wie Sie vielleicht denken,
    doch viele Menschen konnten sich damit stabilisieren
    und führen ein zufriedenes Leben.

    Mit besten Grüßen und gutem Gelingen
    GW

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