Vertrauen in Paarbeziehungen

Kennen Sie die wichtigste vertrauensfördernde Maßnahme?

Unterbrechungen zerstören das Vertrauen. Sich gegenseitig ins Wort zu fallen, an etwas anderes zu denken oder mitten im Satz plötzlich etwas ganz anderes zu beginnen sind weit verbreitete Verhaltensweisen, die das Vertrauen zwischen Partnern aushöhlen können. Unsere mehr oder weniger instabilen Persönlichkeiten brauchen sichere Kommunikationsstrukturen, um sich einlassen zu können.

Das wichtigste Mittel, um eine stabile Basis für die Paarkommunikation herzustellen, ist die Entwicklung der eigenen Fähigkeit, dem Partner vollständig, aufmerksam und zugewandt zuhören zu können. Diese Fähigkeit ist leider viel zu wenig bekannt und wird noch weniger angewandt, geschweige denn geübt.

In nahezu jeder Paarbeziehung existiert das Buhlen um die Aufmerksamkeit des anderen. Vor allem in schon länger existierenden Paarbeziehungen schwindet die Bereitschaft dem anderen vollständig zuzuhören in dem Maße, in dem das eigene Bedürfnis nach Aufmerksamkeit nicht genügend Raum bekommen hat. Wir sind erst wieder bereit, dem anderen zuzuhören, wenn uns selbst genügend Aufmerksamkeit geschenkt worden ist.

Eine absurde Situation: Zwei Bedürftige stehen voreinander und sagen sich gegenseitig: “Ich gebe dir erst etwas, wenn du mir etwas gegeben hast.”

Damit ist das Ende der Paarbeziehung fast schon besiegelt.

Dabei haben wir den Rückzug zumeist selbst mit inszeniert. Eine kleine Unfreundlichkeit oder Unaufmerksamkeit des Partners führt zu einem kleinen inneren Rückzug, einem kleinen Beleidigtsein. Zu passender Gelegenheit gibt es eine Retourkutsche und wir beflügeln gegenseitig die innere Emigration. Damit nehmen wir auf zweierlei Weise der Beziehung die Luft zum Atmen: Wir geraten selbst unter Anspannung und warten nur auf den nächsten Angriff und sind gleichzeitig nicht mehr bereit, dem anderen unser Herz und unsere Aufmerksamkeit frei zur Verfügung zu stellen.

Die Eskalation der Gefühle

Dieser Reiz-Reaktions-Mechanismus läuft normalerweise so schnell ab, dass er sich unserer bewussten Kontrolle entzieht. Er vollzieht sich in fünf Schritten:

  1. Unsere Sinne nehmen etwas wahr (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen).
  2. Es gibt eine erste rudimentäre Bewertung ob dies ein guter oder schlechter Reiz ist (Angriff oder Flucht).
  3. Aus der ersten Bewertung entsteht ein Gedanke der von gut/schlecht ausgehend weiter differenziert und dem Reiz und der Situation einen Namen gibt und ihn in ein Konzept einordnet.
  4. Dann wird der Körper durch ein entsprechendes Gefühl informiert, d.h. der entsprechende Botenstoff wird im Gehirn ausgeschüttet.
  5. Ohne die Schritte 1-4 differenziert wahrzunehmen, reagieren wir nun auf das durch die Hormone in unserem Blut ausgelöste Gefühl. So kommt es, dass wir sagen können: “Du machst mich wütend.” Dabei ignorieren wir vollständig den in uns selbst ablaufenden Vorgang, der zu diesem Gefühl geführt hat.

Können Sie sich vorstellen, wie es Ihre Beziehung verändern würde, wenn Sie diesen Reiz-Reaktions-Automatismus bereits in der Stufe 2 stoppen könnten?  Welche Freiheit würden Sie gewinnen, wenn Sie es Ihrem Gehirn gar nicht erst erlauben, Ihren Körper mit Hormonen zu überschwemmen, die unangenehme Gefühle mit sich bringen? Was würde sich in Ihren Beziehungen zu anderen Menschen verändern, wenn Gefühle wie Wut, Angst, Ohnmacht oder Gegenangriff in Ihnen gar nicht entstehen könnten?

Unvorstellbar!? In der Tat vergessen wir es immer wieder, dass Freiheit innen beginnt.

Wie bereits oben dargestellt führen die Reiz-Reaktions-Automatismen zum schrittweisen Auseinanderrücken der Partner. Folgerichtig könnten Sie wieder aufeinander zugehen, wenn Sie Ihre automatischen Reaktionen allmählich kennen lernen und schließlich rechtzeitig bremsen können. Dabei ist zu betonen, dass es nicht darum geht, Gefühllosigkeit zu trainieren. Aber Sie würden Kontrolle gewinnen über den Moment, in dem sie die Entscheidung treffen ein bestimmtes Gefühl zu aktivieren.

Wie bremsen Sie Ihre automatischen Reaktionen auf Ihre/n Partner/in?

Zunächst machen Sie sich im Nachhinein klar, dass das Gefühl, in dem Sie gerade gelandet sind, in Ihnen entstanden ist. Als nächstes begeben Sie sich auf die Suche, welcher Gedanke genau es gewesen ist, aufgrund dessen Sie entschieden haben dieses Gefühl hervorzubringen. Je öfter Sie diese Selbsterforschung üben, desto näher kommen Sie an den entscheidenden Punkt.

Früher oder später können Sie sich selbst beobachten, wie Sie in einer bestimmten Situation die Wahl haben, ob Sie jetzt die Wut (die Angst, die Trauer) berühren wollen und ihr damit die Erlaubnis geben, Ihren Körper zu fluten. Diese Enthaltsamkeit ist die eigentliche Bedeutung des Verbotes bewusstseinstrübender Substanzen in den meisten großen Religionen. Nicht der Wein trübt unser Bewusstsein, sondern unsere Unaufmerksamkeit gegenüber unseren eigenen inneren Vorgängen.

Aus meiner Sicht sind diese automatischen Reiz-Reaktionsmuster das grundlegende Gift für alle menschlichen Beziehungen. Aus Unwissenheit und Bequemlichkeit machen wir uns nicht die Mühe, die Auseinandersetzung an der Quelle zu beenden. Ein Streit ist in dem Moment beendet, in dem eine der beiden Parteien aufhört zu streiten und sich nicht mehr verwickeln lässt. Wenn wir aufhören automatisch zu reagieren, wächst das Vertrauen anderer zu uns.

Welche Erfahrungen haben Sie damit einen Streit zu beenden?
Was hat funktioniert, was nicht?

Fotos von schmollmolch und birgerking

Coach und Autor Henning Matthaei

Henning Matthaei ist Gründer des Partnerwerks, und seit 20 Jahren als Coach für mehr Gelassenheit in zwischenmenschlichen Beziehungen tätig. Sein kostenloser Selbstcoaching-Kurs „Zeit zu zweit“ zeigt Paaren wie sie mehr Qualitätszeit miteinander verbringen können.

11 Antworten auf “Kennen Sie die wichtigste vertrauensfördernde Maßnahme?”

  1. Obwohl hier die Kommentare schon ein bisschen älter sind, möchte ich doch noch „meinen Senf“ hier abgeben.
    In einer momentan sehr schwierigen Beziehung gefangen, ist(konstruktiver??)
    Streit bei uns ein Thema.
    Ich kann Heide nur zustimmen: Recht haben wollen und Schuldzuweisungen töten jede sachliche Diskussion, weil sie das Ganze vom Thema weg auf eine persönliche Ebene ziehen. Da kann aus einer Auseinandersetzung über ganz banale Sachen zur tiefenpsychologischen Grundsatzdiskussion werden..
    Des Weiteren kann ich bestätigen, dass nicht immer einer allein in der Lage ist, den Streit zu kappen, wenn der Andere keine Ruhe gibt!
    Der bohrt nämlich dann so lange herum, bis man doch auf seiner Linie landet..
    Der einzige Ausweg wäre, sich herauszuziehen und den Raum zu verlassen. Aber auch das kann als Munition verwendet werden: „Du willst nicht mit mir reden – Du willst nur Deine Leichen im Keller verstecken – Dir bin ich ganz egal, dass Du mich nicht beachtest“ etc. etc.
    Also, wenn das Gegenüber nicht will, kann man noch so Vernünftig und Nicht-Konfrontativ an die Sache heran gehen – der Partner glaubt einem nicht – und findet Immer etwas zum Unterstellen!
    Diskussion, bzw. Streit kann also tatsächlich wie oben erwähnt, ziemlich destruktiv werden!
    Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Konfrontation sein muss, damit diese Dinge nicht im Untergrund gären.
    Man muss einfach – wie ebenfalls oben erwähnt, den Absprung schaffen, wenn man merkt, dass der „Autopilot“ wieder läuft!
    Haben Beide sich auf das Abbrechen in diesem Fall geeinigt, lauert noch eine Hürde, über die man stolpern kann: Der Partner benutzt die Abbruch-Methode nämlich dann dazu,
    um unliebsame Themen erst gar nicht hochkommen zu lassen. Und wieder kommt eine Klärung mit evtl. Kompromissmöglichkeit nicht zustande!
    Der Partner, der über diese Sachen reden will, wird abgewürgt.
    Wie kann er also noch sachlich über das Thema reden ?
    Sobald er damit anfängt, hat er in den Augen des Anderen schon „Streit gesucht“!
    Es ist dann sehr schwer, nicht wütend zu reagieren angesichts solcher Manipulationen.
    Der „Streit“ bleibt
    also eine zweischneidige Sache, die von einem Partner stets sabotiert werden kann.
    Würde mich freuen, wenn sich Jemand mit ähnlichen ERfahrungen dazu äußern könnte!

  2. Wenn ich in meinem fortgeschrittenen Entwicklungsstand erkenne, dass sich ein ungutes Gefühl als Reaktion auf eine Äußerung meiner Partnerin anbahnt, kann ich mich zurücknehmen und gleich oder später in aller Ruhe über das Problem sprechen. Ich muss nicht sofort und automatisch reagieren! Ich habe das gelernt, weil ich mit Streit, der schnell unsachlich wird und sich „aufschaukelt“ nicht leben kann. Ich muss nicht immer sofort Recht haben!

    1. Ich denke, dass es nicht um ausweichen oder die Strategie der geschicktesten Umschiffung eines Streites geht sondern wie Friedrich es ausdrückte ERST einmal BEWUSSt zu bemerken, dass sich innerlich etwas zusammen braut, dass -unkontrolliert rausgeschossen- verletzen und sogar zerstören kann!! 
      Wozu soll das gut sein? Manchmal höchstens um uns selber zu befreien – von dem Müll aus unserem Innern! Von dunklen Gestalten aus der Kindheit oder anderen traumatischen, schlimmen Erfahrungen. Unser Partner muss oft dafür herhalten und darum schließe ich mich Friedrich unbedingt an: 1. zurücknehmen 2. etwas später in Ruhe miteinander reden und 3. nicht sofort und automatisch reagieren!
      Da wir lieben Menschen nicht perfekt sind oder perfekt ‚funktionieren‘ wird es immer Einbrüche geben. Doch wenn unserer Partner festgestellt haben, dass wir auf dem Weg sind, wird sie das ungemein beruhigen und ebenso umgekehrt. Und hier ein kleiner Haken – es geht nur gut, wenn BEIDE Partner mit ähnlichem Enthusiasmuss daran arbeiten und dies nicht NUR für diese eine Beziehung tun sondern vor allem für sich selbst!
      Die schlimmsten Feinde sind hier: Recht haben wollen und Schuldzuweisungen!
       

  3. Aus Unwissenheit und Bequemlichkeit machen wir uns nicht die Mühe, die Auseinandersetzung an der Quelle zu beenden. Ein Streit ist in dem Moment beendet, in dem eine der beiden Parteien aufhört zu streiten und sich nicht mehr verwickeln lässt. Wenn wir aufhören automatisch zu reagieren, wächst das Vertrauen anderer zu uns.
     
    Genau das macht den treit doch „unendlich“. Es ist doch viel besser, einen konstruktiven Streit zu führen als dem anderen auszuweichen, indem ich mich „nicht mehr verwickeln“ lasse. Typisch männliche Sicht. Einfach nicht mehr streiten, den Gefühlen , eagal ob Wut, Ohnmacht., Trauer usw. aus dem Weg gehen….
    das macht die Beziehung kaputt, da die „streitbare“ Partnerin das Bedürfnis hat, die Dinge auszutragen, damit sie erledigt werden können und eben nicht unter den Teppich gekereht werden. Genau diese von Ihnen angebotene Verhaltensweise läutet das Ende der Beziehung ein, eine gesunde Beziehung kann und muss Streit auch mal aushalten…. ein Partner, der nicht mehr streitet, hat sich bereits entfernt

    1. ich glaube nicht, daß damit gemeint ist dem streit aus dem weg zu gehen, sondern im streit seine gefühle zu kontrollieren, um konstruktiv streiten zu können. dem verletzt oder eingeschnappten keinen raum zu geben, sondern zu zuhören und zu kommunizieren.

      1. Genau Edda, sehe ich auch so und mein Anliegen war zu sagen, dass aeusserer Stress es uns erschweren kann gefuehle zu reflektieren und kontrollieren…sei es mann oder frau..deswegen habe ich fuer mich die konsequenz daraus gezogen mir einen weniger stressigen job zu suchen, weil ich fuer mich gemerkt habe, dass super stress es auch mir schwer macht meine gefuehle zu kontrollieren und ich mich der versuchung mich im partnerstreit einfach auch mal abzureagieren nicht immer entziehen konnte..auch als frau 🙂

         

    2. Ich glaube nicht mehr an das Märchen vom konstruktiven Streit. Streit ist destruktiv und Dialog kann konstruktiv sein.

      Ich will aber weder der Ignoranz gegenüber eigenen Gefühlen noch der Abwehr der Gefühle des Partners das Wort reden. Mir geht es vor allem darum klarzumachen, dass wir eine Wahl haben, ob wir uns von dem, was der andere uns gegenüber zum Ausdruck bringt, aus der Fassung bringen lassen und dann unangemessen (heftig/verletzend) reagieren.

      1.  
        Diese Einstellung mag ich teilen insofern, dass es wirklich hilfreich ist, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen und -falls man gerade emotional beschossen wird- sofort und vehement zurück zu schießen.

        Dieser Prozess fängt bei uns selbst an und dann beinhaltet er auch automatisch andere Menschen inkl. unserer Partner. Damit bin ich wieder bei einer Hürde – dass es auch daran scheitert, dass nicht beide mit ähnlichem Engagement bei der Sache sind. Das sieht dann oft so aus, dass einer liebevoll gelassen bleiben kann, einen späteren Zeitpunkt anstrebt, wenn sich die Wogen geglättet haben -doch genau das den anderen -weil gerade dazu im Moment nicht fähig- geradezu explodieren lässt.
        Einer der größten Schwachstellen der Menschen ist das Ego. bemerkt man beispielhaft in einem Streit, dass sich der anderen als von uns selbst subjektiv ‚als überlegen‘ empfunden reagiert gehen Dinge in einem los, denen man sich kaum entziehen kann. DARÜBER müsste man dann sprechen!
        Oft geht es bei Streits weniger um die Ursache sondern vorrangig auch um Machtkämpfe.
        Herr Matthaei, ich glaube doch noch an konstruktiven Streit. In dem man genau solche Dinge zur Sprache bringt, sich selbst in den Focus stellt und nicht den anderen. ich habe es bereits mehrfach praktiziert und die Wirkung ist erstaunlich gut!
        Szenen eines Streits sieht dann so aus, dass der eine sagt, es ist so blöd gelaufen alles, ich bin wütend auf dich – aber eigentlich eher auf mich selbst. Ich schäme mich irgendwie, dass ich hier versagt habe, dass ich dich angebrüllt habe … ich hätte besser das oder das gemacht … usw.
        Versuchen sie es! JEDER wird instinktiv, automatisch und sofort einlenken – eigene Zugeständnisse machen und die Atmosphäre ist eine ganz andere – nämlich konstruktiv!
        Man lernt viel über sich selbst und viel über den anderen! 
         

  4. Das funktioniert solange man nicht in die Erschoepfung durch Stress kommt. Ich mache die Erfahrung, dass wenn beide Partner einen stressigen Beruf haben, der Puffer und die Gelassenheit verloren gehen und auch die Kraft zu reflektieren..ich finde es schwer wenn Maenner im Stress sind sie davon zu ueberzeugen AUCH NOCH in Beziehungsabeit zu investieren. Eigentlich wollen sie dann zuhause nur noch ihre Ruhe haben..weil Auseinandersetzung, und sei es nur ueber Kommunikationsformen als zusaetzliche Belastung angesehen wird.. 

    1. Das deckt sich mit meiner Beobachtung: Die Paarbeziehung rangiert immer ganz hinten – weit hinter Beruf und Kinderversorgung. Dabei wird meist erwartet, dass sie Kraftquelle für beides ist. Die Einsicht in die notwendige Aufmerksamkeit und Pflege für die Partnerschaft kommt oft sehr spät.

Kommentar schreiben...

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit einem Sternchen markiert *




© 2017 · Partnerwerk · Paarcoaching · Hamburg
...Liebe lebt im Dialog

Feedback
Do NOT follow this link or you will be banned from the site!