Ohne Ozean gibt es keine Inseln

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Ohne Ozean gibt es keine Inseln –
Auf welche Weise wir miteinander verbunden sind

Neulich trafen wir Freunde, deren Tochter gerade eine großartige Entdeckung gemacht hatte. Sie hatte ihren Schatten kennengelernt. Die Familie war einige Tage im Süden gewesen, wo im Winter die Sonne scheint (ach haben die es gut in Hessen…). Und dort hat die kleine Amanda zum ersten Mal in ihrem Leben festgestellt, dass sie ihren Schatten als ständigen Begleiter hat. Sie war hellauf begeistert und war nun ständig auf der Suche nach Lichtquellen, um ihren Schatten zeigen zu können.

Ein Schatten existiert, weil es das Licht gibt – ohne Licht kein Schatten. So wie jeder Mensch einen körperlichen Schatten besitzt, so gehört zu jedem von uns genauso unausweichlich ein psychologischer Schatten. Wir wissen, dass niemand über seinen körperlichen Schatten springen kann, aber die wenigsten wissen überhaupt von der Existenz des psychologischen Schattens.

Das „Licht“, das den psychologischen Schatten entstehen läßt, ist unser eigenes Bewusstsein. Je tiefer man in den Schatten eindringt, desto mehr erkennt man die Verbundenheit zwischen den Menschen. Man kann es sich so vorstellen: Worin besteht die Verbindung zwischen Sylt und Kuba? Es sind zwar beides Inseln, auf denen man gerne Rum trinkt, aber sie sind getrennt durch sehr viel Wasser. Wenn wir in einem Gedankenspiel jedoch alles Wasser aus den Weltmeeren herauslassen würden, käme eine andere Wahrheit zum Vorschein. Was an der Oberfläche verborgen ist, wird jetzt offensichtlich. Sylt und Kuba sind miteinander verbunden.

Diese Verbundenheit beschrieb Sila, ein Schamane der Inuit, den der dänische Arktisforscher Knud Rasmussen 1932 interviewte. Dieses Zitat verdanke ich Joseph Campbell, dem großen Mythenforscher. In einem Aufsatz von 1970, in dem er über die Ähnlichkeiten von Schizophrenie und schamanischen Reisen sprach, zitierte er aus einem Buch Rasmussens:

»Die Seele des Universums ist unsichtbar,
nur ihre Stimme ist zu hören
Wir wissen bloß, dass sie eine Stimme hat,
so sanft wie die einer Frau,
so dass nicht einmal Kinder vor ihr erschrecken.
Und sie sagt: Hab keine Angst vor dem Universum.«

Meistens haben wir normalsterblichen Menschen aber nicht nur Angst vor dem Universum, sondern auch vor anderen Menschen. Und wir weichen nicht nur Fremden aus, sondern auch dem Fremden in unseren Nächsten und sogar in uns selbst. Das ist der psychologische Schatten, der in jeder Kultur seine eigene Form erhält.

Die äußere Form des Schattens ist das Tabu. Ein verbotener Bereich, in dem man sich nicht aufhalten darf, den man nicht denken darf, den man überhaupt nicht wahrnehmen soll.

Testen Sie sich selbst! Wie leicht, offen und ehrlich sprechen Sie mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin über die Themen Geld, Sexualität, Tod, Spiritualität? Alles, was in unserer Gesellschaft mehr oder weniger tabu ist, ist es auch in vielen Partnerschaften. Und wenn diese Dinge für Sie keine Tabus sind, welche anderen Themen gibt es, die Sie voreinander zurückhalten?

Aber nicht immer sind beide Seiten bereit, Tabubereiche zu erforschen. Sie kennen es vielleicht: Sie sprechen mit einem Menschen, der Ihnen etwas bedeutet, er erwischt eine empfindliche Stelle, Sie schlagen zurück… Innerhalb kürzester Zeit ist eine heftige Auseinandersetzung zwischen zwei Menschen entstanden, die sich eigentlich gern haben. Im schlimmsten Falle gehen beide tief verletzt auseinander, im weniger schlimmen bleibt eine andauernde Zurückhaltung dem Anderen gegenüber.

Besser wäre es, seine eigene Reaktivität aufzulösen und auf diese Weise gelassener mit solchen Herausforderungen umgehen zu können. Die Erforschung des Schattens befreit von der unkontrollierbaren Reaktivität des eigenen Geistes.

Alles, was uns an anderen besonders aufregt und alles, was wir in uns selbst nicht wahrhaben wollen, ist das „Futter“, mit dem der Schatten genährt wird. Eine unerlöste Fracht aus nicht Ausgesprochenem, Zurückgehaltenem und Unerfülltem blockiert den Zugang zur eigenen Liebesfähigkeit. Es ist erstaunlich, welche Menge an Lebensenergie erwachsene Menschen auf diese Weise unbeabsichtigt gefangenhalten.

Die wichtigste Aufforderung zur Heilung jeder Beziehung kann deshalb nur lauten: Sprechen Sie! Sprechen Sie über alles, was Ihnen fehlt, was Sie sich wünschen, was Sie befürchten, was sie unbedingt vermeiden wollen, was sie geben möchten und auf was sie nicht verzichten können… Und wenn Sie keine Möglichkeit dafür sehen, mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin diese Themen anzusprechen, dann suchen Sie sich eine Vertrauensperson oder schreiben Sie ein Tagebuch. Finden Sie einen Weg, in Worte zu fassen, was Ihre Energie und Ihre Fähigkeit zur Verbundenheit stoppt.

Es ist eine erstaunliche Sache: Wir erlauben uns nicht zu sein, wer wir wirklich sein. Das Sprechen über Bedürfnisse und Aversionen, über Tabus und blinde Flecken entspannt das eigene Wesen. Wer sich selbst den Raum gibt, das zu kommunizieren, was ihn selbst am meisten behindert, entmachtet diese Gedanken.

So gewinnt man mit der Zeit Gelassenheit in jeder Beziehung. Die freundliche Annahme der eigenen Schattenseiten macht es schließlich sichtbar: Der Schatten des Anderen ist auch mein eigener. Was ich früher nicht wahrhaben wollte, wird jetzt mit Mitgefühl akzeptiert. Und so geschieht die Erkenntnis, dass Sylt und Kuba auf ewig verbunden sind.

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