Wenn Körper und Verstand erwachsen geworden sind, ist der Mensch noch nicht fertig. Es gibt jenseits der Lernaufgaben von Kindheit und Jugend, die in der Ausbildung physischer, emotionaler, sozialer und kognitiver Fähigkeiten bestehen, eine Entwicklungsstufe, die den reifen, weisen Menschen hervorbringen kann. Die Voraussetzung dazu ist anzuerkennen, dass der Sinn des Lebens über das hinausgeht, was uns gemeinhin als solcher erscheint, solange wir mitten drin stecken: einen Beruf erlernen, Geldverdienen, eine Familie gründen, ein Heim errichten. Für viele taucht aber jenseits der 40 die Frage auf, ob das alles gewesen sei.

Wer seine Sterblichkeit akzeptiert, setzt andere Prioritäten als derjenige, der sie ignoriert.
In anderen Worten, dies ist die Phase unseres Erwachsenenlebens, in der die Erkenntnis über die Endlichkeit des persönlichen Lebens sich durchsetzen und deshalb andere Akzente einfordern kann, als die Aufbauphase und die Etablierungsphase. Es geht in dieser Lebensphase weniger um Kontrolle als um Großmut, weniger um Macht als um Hingabe, weniger um Einfluss als um Weisheit.

Ein Sprichwort lautet, dass man spätestens ab dem vierzigsten Lebensjahr für sein Gesicht selbst verantwortlich ist. Jeder entscheidet selbst darüber, ob Lachfalten oder traurigen Mundwinkeln mehr Platz im Gesicht eingeräumt wird. Jenseits aller Statistiken kann niemand sagen, ob seine zweite Lebenshälfte nicht schon begonnen hat oder möglicherweise sogar bald schon vorbei ist. Insofern ist es nie zu früh darüber nachzudenken, welches Verhalten und welches Handeln die größte seelische Zufriedenheit hervorbringt.

Es gibt einige Beispiele für kollektive Weisheit, die sich aus den visionären Impulsen einiger weniger entwickelten und im Laufe der Zeit das Bewusstsein vieler Menschen erreichten.
Als Beispiele sind heutige Selbstverständlichkeiten wie eine gesellschaftlich getragene Kranken- oder Rentenversicherung zu nennen. Zu Beginn solch großer Ideen wird der Ideengeber gern als Träumer diskreditiert. Ein solcher Träumer unserer Zeit ist der Inhaber der Drogeriemarktkette DM, Götz Werner, der zur Zeit öffentlich darüber nachsinnt, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzurichten.

Bürgergeld ist ein alternativer Ausdruck für das bedingungslose Grundeinkommen.
Dieses würde jeden Mitbürger unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion oder sozialem Status freistellen, in ihrem Leben dem nachzugehen, was sie wirklich bewegt. Dahinter steht der Gedanke, dass ein Mensch, der gut versorgt ist, einen natürlichen Impuls hat, etwas für andere zu tun. Die Diskussion dieser Idee soll hier nicht verfolgt werden, wohl aber die Anregung aufgenommen, sich die Frage zu stellen, worum man sich kümmern würde, wenn die Grundversorgung ohne eigenes Zutun gesichert wäre.

Was von mir soll in der Welt weiterleben? Zu der Überlegung über die Wandlung des Lebenssinns jenseits der 40 und der Idee einer leistungsunabhängigen Grundversorgung will ich hier einen dritten Gedanken einführen: Wenn das, was von uns bleibt, in dem besteht, was wir an Impulsen zu unseren Lebzeiten in andere hineingesetzt haben, wird es dann nicht von Tag zu Tag wichtiger darüber nachzudenken, was wir säen wollen? Es gibt viele Varianten für diese Frage – hier ein paar davon…

  • Was will ich an Haltungen zum Leben, zur Welt und zu anderen Menschen vervielfachen, indem ich es weitergebe?
  • Welche Verhaltensweisen will ich möglichst von der Welt verschwinden lassen und fange damit schon mal bei mir an?
  • Welche Ideen, für die ich jetzt als Träumer gehalten werden könnte, würden in meinen Augen die Welt lebenswerter und erfreulicher machen?
  • Was sollen andere über mich erzählen, wenn ich nicht mehr da bin?
  • Welche Vorbilder habe ich für menschliches Verhalten und wie kann ich ihnen ähnlicher sein?

Zusammenfassung: Wer sein Gesicht in der zweiten Lebenshälfte von Weisheit geformt wissen will, sollte das Nachdenken über die beste Art und Weise, wie er anderen Menschen dienen kann, zur täglichen Übung machen.

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