Schmerzkörper-Kollisionen

Warum wir es nicht aushalten, wenn es dem Partner schlecht geht

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Es scheint, als müssten wir schon sehr gut gelaunt sein, um es auszuhalten, wenn Partner oder Partnerin in unguten oder unklaren Gefühlen versinken. Vielmehr greift es uns an und führt auch öfter dazu, dass derjenige, der ohnehin schon schlechter Stimmung ist, sich Vorwürfen und Angriffen des Partners erwehren muss.

Warum ist es so schwer auszuhalten, wenn es einem geliebten Menschen schlecht geht?

Die einfachste Begründung ist sicherlich: Mitgefühl und der Wunsch, dem anderen aus seiner Laune heraus helfen zu können. Doch dies scheint nicht immer möglich. Die schlechte Laune bleibt, verstärkt sich möglicherweise noch durch den Versuch sie zu vertreiben.

Viel häufiger beinhaltet aber die schlechte Laune auch Angriffe gegen den Partner. In diesem Fall ist es viel schwieriger gelassen zu bleiben und die Angriffe als das zu verstehen, was sie sind: der blinde Versuch das zu bekämpfen, was wir in unserem eigenen Innenleben nicht geklärt haben.

Carl Gustav Jung nannte dieses ungeklärte Innenleben den Schatten. Vor einigen Jahren habe ich mit dem Zen-Mönch Gregory Campbell gemeinsam ein Buch geschrieben, in dem wir dieses Phänomen untersucht haben:

Alle folgenden Zitate aus G. Campbell/H. Matthaei: ”Gelassenheit – die hohe Kunst des Lebens und des Sterbens“

Unser Schatten besteht nicht nur aus den gesellschaftlich nicht akzeptierten Gefühlen und Gedanken, die im Unterbewußten abgespeichert werden, sondern auch aus all dem, was wir selbst von uns nicht spüren und wahrhaben wollen.

Insbesondere für Paare ist es wesentlich für eine funktionierende Beziehung, den eigenen Schmerzkörper hinreichend zu kennen. Und genauso wichtig ist es, mit dem des anderen vertraut zu sein.

Der wahrscheinlich gefährlichste Teil unseres Schattens ist der „Schmerzkörper“. Er ist die Summe allen Schmerzes, den wir in unserem Leben erlebt haben – insbesondere des Schmerzes, der sich unverdient und ungerecht anfühlte. Die meisten Menschen bemühen sich, diesen Schmerz nicht wahrzunehmen – was jedoch dazu führt, daß er nicht geheilt werden kann.

Die Angriffe, die aus dem Schmerzkörper heraus stattfinden, zielen häufig direkt auf den Schmerzkörper des anderen. Die unterbewusste Botschaft dabei ist: „wenn du denselben Schmerz fühlst wie ich, dann fühle ich mich verstanden.“

Gelassenheit: Die Hohe Kunst des Lebens und des SterbensDas Ergebnis allerdings ist häufiger, dass beide Partner in ihrem Schmerzkörper landen und von dort aus agieren. Dies führt zu dem, was ich „Schmerzkörper-Kollisionen“ nenne. und so ist es nicht selten, dass Paare, die sich eigentlich versprochen haben sich zu lieben und zu ehren, nur noch das schlechte im anderen sehen.

Während wir in diesem unbewußten, verletzten Zustand verweilen, identifizieren wir uns mehr und mehr mit dem Schmerzkörper, denn er ist die hauptsächliche Wahrnehmung, durch die wir das Leben erfahren.

 

In unserer Gesellschaft ist es normal, Menschen zu begegnen, deren Verhalten und Äußerungen beinahe ständig negativ sind. Solche Menschen sind von ihrem Schmerzkörper erobert worden. Sie werden ohne einen tiefen Eingriff in ihr Unterbewußtes wahrscheinlich ihr restliches Leben damit verbringen, ihren Schmerz durch permanentes Selbstmitleid zu ernähren und ihn an andere weiterzugeben.

Wenn Menschen, die einen gewissen Grad psychischer Gesundheit erreicht haben, mit anderen Menschen zusammentreffen, die von ihrem Schmerzkörper erobert worden sind, wird die ganze Situation äußerst schwierig, weil der Schmerz permanent unbewußt kommuniziert wird. Gleich wieviel Aufmerksamkeit ein psychisch gesunderer Mensch demjenigen schenkt, der von seinem Schmerzkörper gefangen ist, es wird immer nur vorübergehend hilfreich sein.

Der Schmerzkörper ist ein Schwarzes Loch, das nach Aufmerksamkeit hungert. Deshalb ist es sehr ermüdend, mit Menschen zusammen zu sein, die aus ihrem Schmerzkörper heraus leben. Ein derart in sich selbst gefangener Mensch hat den Kontakt mit dem Sein verloren, seine Seele wird ausgehungert. Der Schmerzkörper hat immer mit der Vergangenheit zu tun, niemals mit dem Jetzt – das Leben hingegen findet immer jetzt statt.

Was ist zu tun, wenn sie bemerken, dass sie selbst oder ihre Partnerin auf ihrem Schmerzkörper heraus agieren?
Für den eigenen Schmerzkörper gilt sicherlich, jede erdenkliche und passende Hilfe in Anspruch zu nehmen, die Sie sich vorstellen können. Sei es Therapie oder Beratung, klärende Gespräche oder Trost und Beistand von Familie oder Seelsorgern. In dem Moment, in dem wir die Vorstellung aufgeben, dass es niemanden gibt, der uns und unsere inneren Zustände versteht, beginnt die Heilung.

Im Umgang mit einem anderen Menschen, der in seinem Schmerzkörper gefangen ist, benötigen Sie eine reife, erwachsene Haltung, die es ihnen ermöglicht sich nicht in das Drama hineinziehen zu lassen. Ziehen Sie klare Grenzen. Vermeiden Sie es, in den Strom der Negativität einzutauchen, es sei denn, Sie sind stark genug und in der Lage, bewusst „rein“ zu bleiben.

Ob sich jemand von seinem Schmerzkörper vereinnahmen läßt, ist nicht vom Alter abhängig. Auch wenn wir den beschriebenen Zustand bei vielen älteren Menschen beobachten können, ist er doch ebenso bei zahlreichen Jüngeren anzutreffen. Die meisten, wenn nicht gar alle Süchte entstehen auf der Grundlage des Schmerzkörpers. Die Auflösung der Identifikation mit dem Schmerzkörper geschieht durch den reinigenden Prozeß der Reue.

Sie können das entsprechende Kapitel aus dem Buch mit dem vollständigen Text auch hier als PDF herunter laden.

Coach und Autor Henning Matthaei

Henning Matthaei ist Gründer des Partnerwerks, und seit 20 Jahren als Coach für mehr Gelassenheit in zwischenmenschlichen Beziehungen tätig. Sein kostenloser Selbstcoaching-Kurs „Zeit zu zweit“ zeigt Paaren wie sie mehr Qualitätszeit miteinander verbringen können.

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