Ethisch handeln

Nicht alles, was wir tun können, sollten wir auch tun

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Indiviudell ethisch zu handeln bedeutet, unabhängig von übergeordneten Instanzen richtiges und falsches Tun voneinander zu unterscheiden. Unabhängig von den moralischen Urteilen staatlicher, religiöser und familiärer Autoritäten. Es bedeutet Dinge tun zu können, von denen die allgemeine Meinung sagt, dass man sie nicht tut, und Handlungen zu unterlassen, die von der Öffentlichkeit für notwendig erachtet werden. Essenzielle Zutat ist außerdem die Bereitschaft, einen größeren Kontext wahrzunehmen als es der Mainstream tut.

Als Kinder lernen wir moralisch zu handeln, zu deutsch: wir lernen sittliches Verhalten. Dieser Ausdruck weist darauf hin, dass Kinder zunächst die Sitten ihrer Umgebung lernen müssen (und auch wollen): ihrer Familie, ihrer sozialen Gruppe, ihres Stammes/Staates. Diesen Sitten fühlen wir uns zunächst verpflichtet und zweifeln sie bis zur Pubertät auch nicht an.

Als Jugendliche stellen wir (wenn alles richtig verläuft 😉 ) den gesamten gelernten Wertekanon infrage. Das von außen vorgegebene Gesetz muss nun verinnerlicht werden, damit der Heranwachsende gesellschaftlich angemessen handeln kann, ohne dass Mama oder Papa hinter ihm stehen. Geschieht diese Verinnerlichung ohne Bewusstmachung durch Infragestellung, wird das Gesetz nach der Regel alles oder nichts in das eigene Wertesystem eingebaut. In der Folge werden buchstabengläubige Moralapostel oder gemeinwesenrestistente Egoisten ins Erwachsenenleben entlassen und richten dort ihr jeweiliges Unheil an.

Es ist mehr als deutlich, dass eine intensive Auseinandersetzung mit Jugendlichen über Sinn und Unsinn von Gesetzen und Regeln des Zusammenlebens zwingend ist. In der aktuellen Situation, in der die Welt von immer jüngeren Fundamentalisten in Atem gehalten wird, folgt daraus die Frage, wie wir die Erziehung zu selbständigem Denken von Kindheit an fördern können, damit wenigstens bei uns der Irrsinn der Rechtgläubigkeit keinen Nährboden hat.

Einer kraftvollen Argumentationsfähigkeit muss eine emotional stabile Kindheit vorgelagert sein, die das Bedürfnis der Kinder ernst nimmt, autonome und verantwortungsbewusste Menschen zu werden. Davon entfernt sich unsere westliche – ausschließlich auf Effizienz ausgerichtete – Erziehung immer mehr. Wer Menschen in erster Linie als Humankapital, Verbraucher und Kunden wahrnimmt, sollte nicht über die Erziehung unserer Kinder entscheiden dürfen. Doch genau das ist geschehen, als wir die Bewertung des Bildungswesens (PISA) in die Hände der fragwürdiger, einseitiger Bewertungsmethoden gelegt haben.

Ein Beispiel: Wir sind uns gesellschaftlich darüber einig, dass man Gesetze beachten muss, insbesondere dass man niemanden töten darf. Aber die meisten von uns finden, dass die versuchten Attentate auf Hitler richtig waren. Weshalb ist das so?

Die Antwort auf dieses Dilemma ist der größere Kontext. Wir sehen im Nachinein, welches Unheil von Hitler ausging und halten deshalb eine Ausnahme von der Regel für richtig, weil sein Tod möglicherweise das Ende des sinnlosen Tötens in KZs und auf den Schlachtfeldern bedeutet hätte.

Aber woher kann ein Mensch diese Sicht nehmen? Nur wer in sich eine selbst überprüfte(!) Wahrheit umfassenderer Zusammenhänge findet, ist fähig, in dieser Weise das Gesetz zu brechen. Alle anderen werden zu Mitläufern. Wer Angst hat, alleine dazustehen oder die Mehrheit gegen sich zu haben, verliert den Kontakt zur eigenen inneren Wahrheit und dem daraus sich ableitenden Handeln.

Was bedeutet das für zwischenmenschliche Beziehungen?

„Das macht man nicht.”
„So etwas darf man nicht sagen.”

Diese Sätze verraten den moralisch argumentierenden Menschen. Er identifiziert sich mit der Haltung der Mehrheit, mit dem gelernten und ohne Zweifel daran verinnerlichten Wertekodex. Wer es schafft, diese Werte zu überprüfen und nach der Überprüfung zu übernehmen oder zu verwerfen, wird seine Sätze anders beginnen:

„Das tue ich nicht.”
„So will ich nicht sprechen.”

Mit dieser Haltung stehen wir in voller Verantwortung vor jeder einzelnen Handlung und vor jedem einzelnen Versäumnis unseres Erwachsenenlebens. In Ehe und Familie, im Beruf und gesellschaftlichen Leben. Dann werden externe Gebote und Verbote zu kraftvollen, inneren Haltungen.

„Wer hat den Mut alleine in der Wahrheit zu stehen?”

So fragte der spirituelle Lehrer Andrew Cohen im Titel eines kleinen Buches, das 1993 erschien. Untertitel: „Texte zum Thema Erleuchtung, Reinheit, Korruption.”

In der Paarberatung erlebe ich es sehr häufig, dass gegenseitige Vorwürfe aus der moralischen Ecke kommen. Das ist aus zwei Gründen problematisch:

– moralische Vorwürfe erheben den Kritiker über den Beschuldigten. (Deswegen sprechen wir davon, dass Vorwürfe erhoben werden.)
– moralische Vorwürfe berücksichtigen weniger die aktuelle Situation als das grundlegende (von den Eltern kritiklos übernommene) Gesetz. Sie sind damit häufig an der Situation vorbei.

Auf der Suche nach Lösungen in zwischenmenschlichen Konflikten muss also IMMER gefragt werden:

  1. Auf Grundlage welcher Werte komme ich zu meiner Einschätzung und Du zu Deiner?
  2. Welche Kontexte berücksichtigen wir in unseren Haltungen?
  3. Gibt es einen Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen?
  4. Falls nicht, was zählt für mich mehr: die Beziehung zu diesem Menschen oder das mir treu bleiben in meiner Bewertung?

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