Inneres Gleichgewicht herstellen

Warum ist es so schwierig sich selbst zu lieben?

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Jede Kultur, jede Gruppe von Menschen gibt sich ein Regelwerk, welches das Zusammenleben der Gemeinschaft ordnet. Diese Regeln sind bei uns im Gesetz festgeschrieben und über Gerichte durchsetzbar.

Die Sünde

Franz von Stuck, Die Sünde

Der Umgang mit sich selbst ist jedoch nicht über diese Ebene regulierbar. Traditionell haben Religionen und spirituelle Schulen Anleitungen für die Ordnung unseres Innenlebens zur Verfügung. In Zeiten des Verfalls der kirchlichen Bindung droht uns ein wichtiges Stück innerer Selbstregulierung abhanden zu kommen.

Eine der grundlegenden Aufgaben von Religion ist das Ermöglichen eines inneren Gleichgewichts, das man auch Seelenfrieden nennen kann. Spirituelle Traditionen geben seit tausenden von Jahren die Einsicht weiter, dass unsere Wirkung auf andere Menschen einen Einfluss auf die Entwicklung unseres eigenen inneren Gleichgewichts hat.

Mit Wirkung auf andere Menschen meine ich hier die direkten und indirekten Folgen dessen, was wir fühlen, denken, sagen und tun. In anderen Worten: Ich lade mir umso mehr (seelische) Last auf, je weiter ich von einer mitfühlenden und menschlichen Umgangsweise entfernt bin.

Ethik ist laut Peter Möllers philosophischem Online-Lexikon „die Lehre vom richtigen Handeln und Wollen“. Das Wort Etikette hat hier seinen Ursprung als Sammelbecken für die Regeln richtigen und falschen Verhaltens. Sehr eng wesensverwandt ist das Wort Moral, dass in unserem Sprachgebrauch noch stärker zu verdeutlichen scheint, dass es sich bei religiösen Geboten um öffentliche und von außen vorgegebene Regeln handelt.

Ich möchte Ihnen nun eine andere Perspektive vorschlagen, die möglicherweise mehr Sinn macht. Die Vorstellung trägt nicht mehr, dass vor 2500 Jahren Moses mit einem Bündel Steintafeln vom Berg herunter kam, auf denen die Gesetze verzeichnet waren, an die sich von nun an die Menschheit zu halten habe.

In diesem Zusammenhang ist es hilfreich für einen Moment über den Tellerrand zu schauen. Denn nicht nur im jüdisch-christlichen Raum gibt es eine Tradition der Gebote, die in engem Zusammenhang mit der Beurteilung menschlichen Handelns stehen.

Die folgende Tabelle zeigt eine vereinfachte Zuordnung der in der christlichen Tradition beschriebenen sieben Todsünden zu den im buddhistischen Kontext beschriebenen Ursachen des Leidens. Zur Verdeutlichung habe ich die christlichen Todsünden gruppiert, da man sie aufteilen kann in solche Geisteshaltungen, die entweder mehr für sich selbst fordern oder Andere abwehren oder gar keine Stellung beziehen.

BuddhistischChristlich
GierGeiz (Habgier)
Völlerei (Gefräßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht)
Wollust (Ausschweifung, Genusssucht)
HassHochmut (Eitelkeit, Stolz, Übermut)
Zorn (Rachsucht, Vergeltung, Wut)
Neid (Eifersucht, Missgunst)
Unwissenheit (Ignoranz)Faulheit (Feigheit, Ignoranz, Trägheit des Herzens)
Quelle: Anthroposophie.netQuelle: Wikipedia.org

Sowohl in der christlichen als auch der buddhistischen Tradition gibt es Sammlungen von Geboten, die sich direkt auf diese Zusammenstellungen von Sünden bzw. Ursachen von Leiden beziehen. Dabei ist das Wort Gebot eher im christlichen Kontext verwendet worden, während der buddhistische Kontext zumeist von Gelübden oder Entschlüssen zu ethischem Verhalten spricht.

Beiden Religionen ist gemein, dass Menschen nicht töten und nicht stehlen sollten. Genauso wird in beiden Weltanschauungen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität und Drogen aufgerufen.

Es spielt keine Rolle, welcher Tradition wir uns zuordnen oder näher fühlen. Ähnliche Regeln werden sich auch in jeder anderen religiösen Kultur wieder finden. Das Entscheidende für uns heutige Menschen ist zu erkennen, dass wir aufgrund der Wahrnehmung, es handele sich um Gebote von außen, einen permanenten (manchmal recht gut versteckten) Widerstand leisten, der sich gegen die scheinbare Gängelung von außen richtet. Damit schütten wir das Bad samt Kind aus.

Könnte es nicht sein, dass ethisches Verhalten für uns selbst am wichtigsten ist? „Ein schlechtes Gewissen ist ein schlechtes Ruhekissen“, sagt der Volksmund.

Wir können zwar andere belügen, nicht jedoch uns selbst. Wann immer wir gegen unsere tieferen Überzeugungen von Menschlichkeit gehandelt haben, gibt es eine innere Instanz, die dies registriert. Um mit dieser Instanz möglichst nicht in Kontakt zu kommen benötigen wir Ignoranz gegenüber uns selbst. Dies ist die Todsünde „Faulheit des Herzens“.

Ich möchte drei Vorschläge machen, wie man Gebote umdeuten könnte, um aus traditionellem Text alltagsfähige Handlungsanweisungen zu machen. Dies gelingt, indem man die jeweils enthaltene äußerliche Aufforderung zu einer inneren Haltung werden lässt. So schrumpft der Widerstand zusammen und ich erhalte eher korrigierende Richtungsvorschläge als starre auferlegte Gesetze.


Foto: H. Koppdelaney

„Du sollst nicht töten“ – Dankbarkeit

In Anerkennung der Tatsache, dass wir nicht leben können ohne zu töten (selbst Vegetarier töten Gemüse), bekommt das Leben etwas Kostbares. Daher will ich mich bemühen, meine Dankbarkeit für das Leben durch Freundlichkeit, Wahrhaftigkeit und Mitgefühl zum Ausdruck bringen.

„Du sollst nicht stehlen.“ – Zufriedenheit

In Anerkennung der Tatsache, dass ich einen Alltags-Komfort genieße, der vor 200 Jahren nicht einmal Königen zur Verfügung stand, will ich mich bemühen für das zu danken, was ich im alltäglichen Leben für selbstverständlich halte. Insbesondere betrifft dies Aufmerksamkeit, Zuwendung und Hilfestellung durch andere Menschen.

„Du sollst nicht lügen“ – Wahrhaftigkeit

In Anerkennung der Tatsache, dass es mir nicht immer gelingt vollkommen wahrhaftig zu sein, will ich mich bemühen mich selbst immer umfassender kennen zu lernen. Das betrifft insbesondere meine (fast voll-)automatischen Reaktionen auf Vorwürfe, Angriffe und Kritik.

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