Tag der Arbeit

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Den Tag der Arbeit – gibt es den noch? Vor wenigen Jahrzehnten war der 1. Mai noch ein Tag, an dem die arbeitende Bevölkerung sich selbst feierte, indem sie ihre Kraft und Einheit demonstrierte. Mittlerweile ist von den großen Mai-Demonstrationen nicht viel übrig geblieben. Die einen haben keine Arbeit mehr und damit den Stolz verloren, sich auf der Straße zu zeigen, die anderen fürchten, beim nächsten Rationalisierungsschub selbst betroffen zu sein.

Trotz wirtschaftlichen Aufschwungs ist die (noch nie dagewesene) Vollbeschäftigung in weiter Ferne. »Vollbeschäftigung wird es nie wieder geben.«, sagte der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker einmal und Altkanzler Helmut Schmidt konstatierte: »Lieber 5 Prozent Inflation als 5 Prozent Arbeitslose.« Offizielle Definitionen von Vollbeschäftigung lauten weniger als 2% Arbeitslose, oder Arbeit für alle, die arbeiten wollen.

Nichts ist so kraftvoll, wie eine Idee deren Zeit gekommen ist. Eine solche Idee wird seit einigen Jahren immer öffentlicher diskutiert, das bedingungslose Grundeinkommen. Die Diskussion hat inzwischen die höchsten Etagen errreicht: Dieter Althaus, Ministerpräsident von Thüringen wurde von der CDU als Kopf einer Kommission eingesetzt, die die Umsetzbarkeit des sogenannten solidarischen Bürgergeldes prüfen soll. Die von Althaus angedachten Summen bleiben aber weit zurück hinter den Vorstellungen des Vordenkers Prof. Götz Werner, der die einfache Formel aufstellt: »Je höher das Grundeinkommen, desto größer die individuelle Freiheit«. Die Frage sei also, »wieviel Freiheit wir uns zutrauen«.

Was hat das mit »Gut leben!« zu tun? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten recht viel. Sämtliche soziale und kulturelle Arbeit, die auf die breite Bevölkerung angelegt ist, ist zu schlecht bezahlt. Da sie nichts produziert, ist sie aus der Sicht unserer Wirtschaftsordnung zweitrangig und minderwertig – eher lästig und ohnehin nicht wirklich finanzierbar. Ein drohender Blick nach Osten reicht normalerweise um den Wunsch nach mehr sozialer Sicherheit abzuschmettern. Dabei steckt hinter der Absicherung des Lebensunterhaltes die Möglichkeit, unsere Bedürfnisse nach Kontakt, Kommunikation und Gemeinschaft viel besser zu erfüllen.

Ein garantiertes Grundeinkommen würde unsere Vorstellung von Arbeit revolutionieren. Abhängig davon, wie groß die dem Einzelnen zugemessene Freiheit sein soll, wird die Höhe des Einkommens ausfallen. Die Finanzierung geschieht über die Verbrauchssteuern (Umsatzsteuer), da auf diese Weise auch Waren, die an anderen Orten der Welt produziert werden, hier besteuert werden können. Außerdem zahlen dadurch diejenigen, die viel Geld haben (also auch ausgeben) automatisch höhere Steuern.

Wer wird davon profitieren? Insbesondere diejenigen, die mit Kindern, alten und kranken Menschen arbeiten, alle sozialen Berufe, aber auch Künstler und Kulturschaffende, letztlich alle, die nicht am reinen Produktionsprozess bzw. im Vertrieb der produzierten Waren tätig sind. Denn die meisten dieser Menschen müssen sehr viel Leistung für sehr geringen Lohn erbringen. Wir müssen uns gut überlegen, ob wir eine Kultur sein wollen, die den Wert des Menschen nur an dem misst, was er materiell produziert, oder eine, die den Menschen wertschätzt, weil es ihn gibt – bedingungslos. 2000 Jahre Christentum sollten nicht spurlos an uns vorbeigegangen sein.

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