Voll das Leben

Von Henning Matthaei Twitter | Facebook

Der WDR zeigte neulich eine Dokumentation zum Thema Nahtoderlebnisse. Die Erforschung dieser außergewöhnlichen Bewusstseinszustände begann in den siebziger Jahren in den USA, besonders engagiert vorangetriebenen von der mittlerweile verstorbenen Dr. Elisabeth Kübler-Ross und ihrem Kollegen Dr. Raymond Moody.

Zwei Aspekte des ansonsten nur mittelmäßig spannenden Filmes waren aus meiner Sicht bemerkenswert. Erstens die wissenschaftlich untermauerte Erkenntnis, dass außerkörperliche Erlebnisse offensichtlich von der Gehirnfunktion unabhängig sind, und zweitens, dass die bewusste Wahrnehmung einer außerkörperlichen Erfahrung zu tiefen Einschnitten und Veränderungen im Leben der Betroffenen führen.

Die Forschungen von Psychologen und Neurologen verschiedener Länder deuten alle in diese Richtung. Ich kann mich nicht mehr im Detail an die Vielzahl der genannten Kliniken und Forschungsinstitute erinnern, aber Mediziner aus der Schweiz, den Niederlanden, den USA und Deutschland haben allesamt ähnliche Ergebnisse erarbeitet. Nach diesen scheint die außerkörperliche Erfahrung des Bewusstseins den Körper lediglich dazu zu benötigen, um später anderen Menschen darüber berichten zu können, was geschehen ist.

Eine Patientin berichtete über ihre außerkörperliche Erfahrung. Sie hatte eine schwere Gehirnoperation zu überstehen und erlebte während des Eingriffes, wie ihr Bewusstsein aus dem Körper austrat und ihn von oben betrachten konnte. Sie nahm die Werkzeuge wahr, mit denen ihr Schädel geöffnet werden sollte und konnte die Gespräche mithören, die die Ärzte miteinander führten. Dann verließ «sie» (d.h. ihr Bewusstsein) den Raum und hatte weitere unerwartete Erlebnisse, ehe sie «in ihren kalten, toten Körper zurückkehren mußte.»

Die außerkörperliche Erfahrung der Patientin hatte in einer Zeit stattgefunden, in der keinerlei Gehirnaktivität mehr vorhanden war. Die Frau erwachte in einem anderen Raum und berichtete ihrem Arzt von ihren Erlebnissen. Dieser glich ihre Darstellung mit dem OP-Bericht ab, ließ sich von seinen Kollegen das beschriebene Gespräch bestätigen und machte schließlich beim Zeitvergleich mit dem EEG die Entdeckung, dass seine Patientin ihre lebhaften Erlebnisse zu einer Zeit hatte, zu der ihr Gehirn (zwecks Operation) komplett ausgestellt worden war.

Es gibt eine 800 Jahre alte Darstellung dieses Zusammenhanges. Die Äbtissin Hildegard von Bingen, die zu ihrer Zeit für ihre mystischen Visionen ebenso bekannt war wie sie für ihren Freigeist und Intellekt gefürchtet wurde, hat viele ihrer Visionen bildhaft festgehalten. Dazu gehört ein Wandteppich, der den Menschen als Mittelpunkt des Universums darstellt. Ein weiblicher Körper ist als Umhüllung dieses Universums gewissermaßen die Gebärmutter des Kosmos. Aus dem Kopf der weiblichen Figur erscheint ein Christushaupt. In meiner Interpretation stellt die (im Bild rot eingefärbte) Frau die Seele oder das hervorbringende Bewusstsein dar. Im Mittelalter oft als anima mundi bezeichnet, ist sie die Urheberin aller Erscheinungen – in der Traumwelt wie in der Wirklichkeit. Der Christuskopf ist Symbol für das bezeugende Bewusstein, frei von Form und Inhalt. Bezogen auf die beschriebene Situation bedeutet das: der tote, kalte Körper der Patientin erscheint innerhalb ihres bezeugenden und hervorbringenden Bewusstseins, und dieses beschließt dann, wieder in diesem Körper Platz zu nehmen.

Langzeitstudien ergeben eine signifikante Veränderung der Lebensweise von Patienten, die sich an eine außerkörperliche Erfahrung erinnern können. Die Fernsehdokumentation beschrieb eine Studie an einer Gruppe mehrerer hundert Herzinfarktpatienten. Es wurden alle diejenigen miteinander verglichen, die einen kurzfristigen Herzstillstand erlitten hatten und dann wiederbelebt worden waren. 18 % der Patienten konnten sich später an außerkörperliche Erfahrungen erinnern. Vermutlich ist dies ähnlich wie beim Träumen, alle Menschen träumen, aber nicht alle erinnern sich an ihre nächtlichen Abenteuer.

Alle Patienten, die sich an eine außerkörperliche Erfahrung erinnern konnten, verloren völlig die Angst vor dem Tod und veränderten ihre Haltung gegenüber ihren Mitmenschen grundlegend. In der Studie wurden die Patienten erneut befragt, als die beschriebenen Erlebnisse bereits einige Jahre zurücklagen. Sie berichteten einhellig, dass sich ihr Leben radikal in Richtung von mehr Mitgefühl und Großherzigkeit verändert habe.

So bahnbrechend wie es zunächst erscheint, sind diese Erkenntisse allerdings nicht. Die mystischen Traditionen in Christentum, Islam und Buddhismus und erst recht die schamanischen Urreligionen wissen um die transformierende Kraft der Auseinandersetzung mit dem physischen Tod. In unserem Buch «Gelassenheit – Die Hohe Kunst des Lebens und des Sterbens» stellen Gregory Campbell und ich dar, wie eine entsprechende Übung heutzutage aussehen könnte. Es ist durchaus nicht notwendig, auf einen Herzinfarkt oder eine Gehirnoperation zu warten, um sich diesen Bereichen des Bewussteins anzunähern.

Mit folgenden Übungen könne Sie sich auseinandersetzen, wenn Sie die Quelle Ihrer Lebensenergie erforschen wollen. Es sind einfache Schreibmeditationen, die lediglich etwas äußere Ruhe erfordern. Ziehen Sie sich eine Weile zurück und beantworten Sie ausführlich jeweils nur eine Frage. Heben Sie sich die anderen für einen anderen Tag auf. Es ist sinnvoller immer wieder kleine Einheiten zu verdauen, als einen großen Brocken auf einmal zu verschlingen:

Wie sieht Ihr Leben heute aus? Wenn Sie heute sterben würden, was würde morgen über Sie in der Zeitung stehen? Wer würde über Sie trauern, wen oder was hinterlassen Sie? Schreiben Sie einen Nachruf über sich selbst, so als wäre Ihr Leben jetzt zu Ende.

Wie sieht Ihr ideales Leben aus? Wenn Sie erst nach einem langen, glücklichen und erfüllten Leben sterben werden, was würde über Sie in der Zeitung stehen? Wer würde über Sie trauern, wen oder was hinterlassen Sie? Schreiben Sie einen Nachruf über sich selbst, wie er idealerweise für Sie aussehen würde.

Haben Sie ein Testament? Erbt irgendjemand Schulden von Ihnen? Oder viel Geld? Oder andere Dinge? Wer soll was bekommen? Wie wird Streit verhindert? Schreiben Sie ein Testament und erneuern Sie es zu jedem Geburtstag.

Wie soll Ihre Beerdigung aussehen? Ist es eine traurige Veranstaltung? Oder gibt es auch Freude darüber, dass man Sie gekannt hat? Gibt es Musik? Wenn ja welche? Was gibt es zu Essen? Wer soll eingeladen werden? Wollen Sie beerdigt werden oder verbrannt? Nehmen Sie Ihren Angehörigen die Arbeit ab und beschreiben Sie detailliert, wie die Trauerfeier gestaltet werden soll.

Ein Beispiel: Ein Klient kam nicht richtig vom Fleck und wußte nicht, wie er in Gang kommen sollte. Er wollte sich nach einigen Jahren im Angestelltenverhältnis wieder als Heilpraktiker selbständig machen. Ich fragte ihn danach, was das Schlimmste sei, das passieren könnte, wenn er sich selbständig machte. Zu meiner Überraschung antwortete er, dass er sowohl Schulden als auch Kinder habe. Wenn er beispielsweise einen Unfall hätte, wären seine Kinder nicht abgesichert und würden einen Berg Altlasten erben.

Es brauchte nur einen einzigen Hinweis, um den Damm zu brechen. Nach dem Rat, seine Darlehen mit einer Risikolebensversicherung abzudecken, die im Falle seines Todes sämtliche Rechnungen ausgleichen würde, startete er durch und innerhalb von drei Monaten hatte er mehr Patienten als er behandeln konnte.

Fazit: Die Auseinandersetzung mit dem Tod macht den Menschen energiegeladen und entscheidungsfähig. Es ist in keiner Weise morbide oder esoterisch abgehoben, sondern äußerst pragmatisch. Wer sich der kostbaren Zeit bewusst ist, die dieses Leben darstellt, handelt klarer, direkter und vor allem auf andere Menschen bezogen.

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