Was für ein Genuss. Ein wunderschöner Spätsommer-Sonntag, ich sitze auf der Terrasse in der Sonne, meine Frau verbringt das Wochenende bei einer Freundin und die Nachbarn sind mit ihren Kindern an den Strand gefahren. Es ist still. Mitten in der Stadt. Die Baustellen schweigen, nur ab und zu fährt ein Auto vorbei, selbst die Rasenmäher respektieren (noch) den Sonntag.

Qualitätszeit gestalten.

Ich tauche in mich selber ein. Heute herrscht mein Rhythmus, meine Musik, meine Gedanken, meine Bücher, mein Tempo. All das wird eingehüllt von dieser zerbrechlichen spätsommerlichen Zartheit – die Stimmung des sterbenden Sommers. Tiefes Atmen, Freude im Herzen. In solcher Stimmung werden die Gedanken weiter und so fand ich mich darin wieder, die Möglichkeiten zu untersuchen, wie man der Anspannung und Hektik des Alltags besser begegnen kann.

Anspannung und Hektik scheinen ihre Ursache darin zu haben, dass wir zu selten die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und bewerten. Unsere Lebensweise diktiert uns beinahe täglich, dass nur äußerliche Dinge zählen. Die IAA macht es vor: glänzende Autos verkaufen sich noch besser, wenn man junge, leicht bekleidete Frauen darauf legt. Scheinbar macht uns Besitz glücklich. Autos, Häuser, Liebesbeziehungen. Wer etwas hat, ist glücklich, wer nichts hat, ein armer Hund.

Das Spiel funktioniert, obwohl wir alle eine Ahnung davon haben, dass Äußerlichkeiten allein nicht glücklich machen. Besitz mag zwar angenehm sein, aber zur tief empfundenen Freude muss eine Grundzufriedenheit vorhanden sein, die nichts mit den Äußerlichkeiten zu tun hat. Doch gerade diese Grundzufriedenheit scheint immer mehr zu schwinden, während die Angst um den Verlust des Wohlstandes zunimmt. Dieser Mechanismus wird nachvollziehbar, wenn wir uns die Geschichte des europäischen Denkens ansehen.

Mit der Aufklärung des 17./18. Jahrhunderts setzte sich in Europa eine neue Haltung durch. Das gesellschaftliche Leben sollte nicht mehr durch den hierarchischen Kodex der Kirche und absolutistischer Herrscher bestimmt werden, sondern die Ideen von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ wurden zum Leitgedanken. Die Kirchen verloren (langsam) ihre Macht, das bürgerliche Leben erlebte einen Aufschwung der zum Wohlstand der Massen führte, den wir als selbstverständlich erleben.

So kam es, dass Nietzsche später behaupten konnte: „Gott ist tot.“ Mit der Trennung von der Dominanz der Kirchen und dem Erstarken der Wissenschaften wurde Innerlichkeit als Schwärmerei verpönt. Durch den Verlust des „offiziellen“ Drahtes zu „Gott“ verloren die Menschen gleichzeitig die Wahrnehmung ihres „inoffiziellen“, persönlichen Zugangs zu dem, was früher Gott genannt wurde und was wir in modernen Worten etwa den „Kontakt zu unserem immateriellen Ursprung“ nennen könnten (d.h. zu dem, was in uns die Lebendigkeit ausmacht, was „Ich“ sagt und was wissen will, was nach dem Tod geschieht).

Damit sind wir beim Dilemma des modernen Menschen. Wir verlieren die Sinnhaftigkeit unseres Tuns. Das materielle Karussell dreht sich immer schneller und die Fliehkräfte schleudern allmählich immer mehr Menschen an den Rand. Die, die sich in der Mitte halten können, zahlen mit der Anstrengung, die sie dies kostet, oft einen weiteren hohen Preis. Und kaum jemand mag die Frage beantworten, in wessen Dienst er eigentlich steht. (Vergleiche den Artikel „Welchem Herrn dienst Du?“)

Welchen Einfluss hat dies auf unser ganz persönliches Leben?

  • Verlust von Heimat. Räumliche Flexibilität wird höher bewertet als Familienzusammenhalt und soziale Einbindung.
  • Verlust von Rhythmus. Geöffnete Geschäfte an Abenden und Wochenenden sind wichtiger als sonntägliche Stille und kollektive Pausen.
  • Verlust von Identität. Austauschbarkeit, Unverbundenheit und Entwertung der Menschen werden durch die verwendete Sprache sichtbar: Wir haben nur noch Jobs statt Arbeit, ein Arbeitnehmer verursacht Lohnnebenkosten, ein Mensch ist ein Verbraucher.

So hat uns der Individualismus der Aufklärung in eine Sackgasse geführt, aus der mancher sich einen Ausweg wünscht. Die übersteigerte Freiheit des Einzelnen hat zur Auflösung der Sicherheit im Gemeinschaftlichen geführt. Ich sehe keine Notwendigkeit dazu in alte Formen zurückzukehren, deshalb schlage ich neue vor: Wir brauchen uns nur zu Er-Innern. Das Individuum findet nicht im Außen statt, sondern im Innen. Wir müssen nicht die alten Religionen bemühen, wir können uns aber um unsere persönliche Anbindung (lat. religare = anbinden) kümmern.

Diese Anbindung ist unabhängig von der Mitgliedschaft in irgendeiner Religionsgemeinschaft. Wenn man sich die Praktiken der verschiedenen Religionen der Welt ansieht, lassen sich Elemente finden, die offensichtlich überall verwendet werden. Die wichtigsten beiden dieser Elemente sind Zeit und Stille.

Wenn Sie es im Kleinen probieren wollen, schaffen Sie sich einen „Stilleort“ für Qualitätszeit in ihrer Wohnung. Richten Sie eine Zeit am Tag ein, zu der sie dort verweilen – ohne Aufgabe, ohne Störung. 10 Minuten zu sich kommen, zehn Minuten die unbewegliche Mitte des Universums sein, während sich alles andere um Sie herum dreht, ohne dass Sie irgendetwas dazu tun müssen.

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