„Wofür sind wir bereit zu sterben?“ fragt die amerikanische Philosophin Susan Neiman, Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums in einer früheren Ausgabe des politischen Monatsmagazin Cicero. Mit ihrer provokanten Frage macht sie sich auf die Suche nach den Helden von heute und stellt das alte Maß für Heldentum zur Diskussion.

Leider bleibt uns Neiman hier eine Antwort auf die Frage schuldig. Die findet man eher bei Joseph Campbell (1904-1987), der dem Menschen qua Geburt Heldentum bescheinigt. Mit dem Geborenwerden ist der Tod des neugeborenen Helden früher oder später zwangsläufig, ganz ohne Märtyrertum.

Follow Your Bliss — Held seines eigenen Lebens sein

Für Campbell ist die Geburt des Menschen gleichzeitig die Geburt des Helden und jedes Leben eine Heldenreise. Es ist sein Verdienst als Mythenforscher, die Erklärungen der Völker, was die Welt zusammenhält und was den Menschen bewegt, in einen vergleichenden Zusammenhang gebracht zu haben. Dieser ermöglicht es, die Struktur der Heldenreise jedes Menschen als grundlegend gleich zu erkennen. Lediglich die kulturellen Oberflächen unterscheiden sich durch die Zeiten und über die Kontinente hinweg.

Wie entdeckt man die Heldenaufgabe, die man in seinem Leben zu bewältigen hat? Kurz vor seinem Tod gab er dem amerikanischen Journalisten Bill Moyers ein langes Interview, das auf der Skywalker-Ranch des Campbell-Freundes George Lucas aufgezeichnet wurde. Aus diesem Interview wurde die in den USA äußerst populäre Produktion „The Power of Myth“ (Die Macht der Mythen) zusammengestellt. Joseph Campbell gibt in diesem Interview den entscheidenden Hinweis zum Helden in uns.

Bill Moyers: Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, dass Ihnen unsichtbare Hände geholfen haben?

Joseph Campbell: Ständig. Es ist ein Wunder. Aufgrund dieser unsichtbaren Hände, die mir immer geholfen haben, ist in mir eine Überzeugung gewachsen: Wenn Sie Ihrer inneren Stimme folgen, dann setzen Sie sich damit selbst auf eine Spur, die schon immer da gewesen ist, die auf Sie gewartet hat, und ihr Leben wird zu dem Leben, für das Sie gemacht sind. Wenn Sie das tun, dann können Sie beobachten, wie Ihnen Menschen begegnen, die zu Ihrem Weg dazugehören und die Ihnen Türen öffnen. Ich sage, folgen Sie Ihrer Bestimmung, haben Sie keine Angst und es werden sich Türen öffnen, wo Sie niemals welche erwartet haben.

Meine Grundregel für meine Studenten ist: „Follow your bliss.“ Finden Sie heraus, was es ist, und haben Sie keine Angst, dem nachzugehen.

(Zitat von der Webseite der Joseph Campbell Foundation, Übersetzung von mir.)

„Bliss“ bedeutet sinngemäß Glück oder ein Geschenk des Himmels. Ich habe aber bisher noch keine ähnlich elegante Formulierung im Deutschen gefunden, wie sie Joseph Campbell mit dem kurzen Satz „Follow your bliss“ formuliert hat. Es drückt etwas aus wie seiner Intuition, Bestimmung oder inneren Stimme zu folgen.

Ein Held zu sein, heißt in dieser Sichtweise, die vom heldenhaften Selbstopfer weit entfernt ist, dem zu folgen, was das eigene Herz will. Damit ist der Held ein erwachsen gewordener und gereifter Mensch, der unabhängig und frei seinen Weg geht, im wahrsten Sinne des Wortes „eigenmächtig“ handelnd.

Das eigene Glück finden

Empfehlenswert ist es, einmal alles aufzuschreiben, was Sie richtig gerne tun. Und die berühmte Millionenfrage ist ebenfalls hilfreich: Wenn Sie unbegrenzte Geldvorräte zur Verfügung hätte, was würden Sie tun? Wenn Sie Antworten auf diese Fragen sammeln, dann machen Sie weiter, wenn der erste Schwung niedergeschrieben ist – darunter finden Sie das Gold.

Golden wird es dann, wenn Sie in Gedanken alle persönlichen Wünsche befriedigt haben. Der Geldvorrat ist nicht kleiner geworden. Was machen Sie jetzt? Für wen oder was, würden Sie Ihre Mittel einsetzen? Prüfen Sie, welche Ihrer Ideen Ihren Energiepegel ansteigen lassen. Das ist der „Bliss“.

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