Ich weiß schon, was du sagen willst…

»Ich weiß schon, was du sagen willst…« diese oder ähnliche Redewendungen werden häufig von Menschen verwendet, die sich schon länger kennen. Beliebt ist auch die Vervollständigung eines Satzes, den der andere angefangen hat, weil man seine eigene Idee hat, wie die Fortsetzung lautet.

Das ist ein Kommunikationsfehler, der immer wieder zu Missverständnissen führt. Erstens beweist er, dass der Zuhörende nicht wirklich empfängt, was der andere zu sagen hat, denn er sucht aus Erinnerungen in der Vergangenheit nach einer wahrscheinlichen Möglichkeit zur Voraussage der Zukunft. Zweitens leugnet er aus dieser durch die Vergangenheit konditionierten Voraussage der Zukunft die Kreativität seines Gegenübers und spricht ihm die Fähigkeit ab, in diesem Moment einen völlig neuen Gedanken zu entwickeln.

Warum machen wir diesen Fehler immer wieder? Man könnte es knapp mit dem Wort Bequemlichkeit zusammenfassen. Die einfachste Möglichkeit über unangenehme Situationen hinwegzukommen ist die Vermeidung des direkten Kontaktes mit dem möglichen Schmerz. In dem Moment, in dem das Gegenüber zu sprechen beginnt, läuft bereits die interne Vergleichsmaschinerie an: An welche Situationen erinnert mich das? Was ist damals passiert? Oh ja, wir haben uns danach drei Tage nicht mehr angesehen, das tat sehr weh. – Output: »Ich weiß schon, was du sagen willst…« Diese Vergleiche laufen gewöhnlich unterhalb der eigenen Wahrnehmungsschwelle.

Die eigene Wahrnehmungsschwelle kann man verändern. Dazu ist es notwendig, die Automatismen des reaktiven Körper-Geistes zu verstehen. Unser Unterbewusstes nimmt jeden Reiz über unsere Sinnesorgane Ohren, Augen, Nase, Mund und Körperoberfläche auf. Diese Reize werden in eine von drei Kategorien sortiert: angenehm, unangenehm, neutral. Entsprechend gibt es drei grundlegende Reaktionsmöglichkeiten: Anziehung, Abstoßung, Stille. Aus diesem geistigen Kern wird ein passendes Gefühl kreiert, dazu kommt ein das Gefühl rechtfertigender Gedanke, der schließlich in eine Handlung mündet.

Gefühle und Handlungen sind das Ende der automatischen Reaktionskette. Will man also die eigene Wahrnehmungsschwelle verändern und damit offener werden für das, was geschieht, gilt es an den Anfang der Kette zu gehen und dort nach Möglichkeiten zu suchen. Beobachten Sie, wie Sie auf bestimmte Handlungen anderer, auf einen bestimmten Tonfall, auf eine bestimmte Art auf Sie zuzugehen, automatisch mit Zustimmung oder Ablehnung reagieren. Versuchen Sie dann jeweils NICHT zu reagieren, sondern zuerst über einige tiefe Atemzüge wieder mehr zu sich selbst zu kommen – in eine neutrale, offene und eher beobachtende Haltung.

über den Atem läßt sich der denkende Geist fokussieren. Je stärker der Geist fokussiert ist, desto unmittelbarer werden zwar die Empfindungen wahrgenommen, aber es wird leichter den eigenen Reizreaktionen keine unbewussten Handlungen folgen zu lassen. Man nimmt kurz wahr (»Autsch, das piekst«), atmet einige Male tiefer durch und hört zuende zu (»Ach so, jetzt verstehe ich besser, warum sie so wütend war…«). Üben Sie am besten täglich Ihren Atem zu beobachten.

Anleitung für eine kleine Atemübung:

Nehmen Sie sich 15 Minuten Zeit und setzen Sie sich an einen Ort, an dem Sie in dieser Zeit ungestört sind. Setzen Sie sich bequem hin, hilfreich ist eine Position mit aufrechtem Rücken, denn Sie sollen nicht einschlafen. Beobachten Sie Ihren ganz natürlichen Atemfluß, indem Sie die Berührung des Atems auf der Oberlippe, an den Nasenlöchern oder in den Nasengängen zu spüren versuchen. Sie müssen ihn nicht überall und nicht immer an derselben Stelle spüren. Es geht nur darum, ihn jeweils irgendwo in diesem Bereich zu spüren.

Wenn Sie bemerken, dass Ihr Geist beginnt in Gedanken wegzuwandern, bringen sie ihn wieder zurück zur Atembeobachtung. Ärgern Sie sich nicht darüber, wenn Sie erst nach ein paar Minuten bemerken, dass Sie sich in Gedanken verloren haben. Der Geist beginnt immer wieder zu wandern, es geht nur darum, ihn einmal mehr zurückzuholen als er wegwandert. Damit machen Sie auch eine direkte Beobachtung seiner automatischen Reaktivität. Es wird ihm einfallen, was noch zu tun ist, es wird irgendwo jucken, er macht eine Einkaufsliste, er stellt in Frage welchen Sinn das überhaupt macht hier so herumzusitzen. Kurz, er benimmt sich wie ein schlecht erzogener Hund.

Nehmen Sie sich am Ende der 15 Minuten Ihre nächste Atemübungszeit vor. Sie sollte möglichst innerhalb der nächsten 24 Stunden stattfinden. Wann immer Sie Zeit haben, weil Sie auf etwas warten oder sich eine kurze Pause gönnen, beobachten Sie für einige Minuten auf diese Weise Ihren Atem. Allmählich entwickelt sich ein Gefühl von stärkerer Zentriertheit, größerer Gelassenheit, wacherer Wahrnehmung und: geringerer automatischer Reaktivität.

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