Wir reden aneinander vorbei

Wenn Paare sich nicht verstehen, bezeichnen sie das oft als „aneinander vorbeireden”. Dies ist ein Sammelbegriff für einige recht unterschiedliche Fehler und Versäumnisse in der partnerschaftlichen Kommunikation. Die folgenden drei Verhaltensweisen gehören zu den häufigsten:

Dazwischenreden.

Den anderen nicht ausreden zu lassen, ist mit Abstand das häufigste Fehlverhalten in der Paarkommunikation. Dahinter stecken einige schwerwiegende Gründe:

  1. Das, was der andere sagt, wird als Angriff empfunden und das Dazwischenreden gleicht einem Gegenangriff. Die Militärstrategie spricht in solchem Fall von der Vorwärtsverteidigung. Um nicht den Schmerz der (aus meiner Sicht ungerechtfertigten) Vorwürfe zu erleben, presche ich nach vorne und mache dem Angreifer meinerseits (aus meiner Sicht gerechtfertigte) Vorwürfe.
  2. Dazwischenreden hilft dabei, die Botschaft des anderen abzuwehren bevor sie ins Ziel trifft. Weil ich ahne, dass etwas dran ist, was der andere mir sagen will, stoppe ich die Mitteilung, indem ich ein anderes Thema auf den Tisch bringe oder abzulenken versuche.
  3. Bisweilen ist die kommunikative Grundlage schon so weit zerstört, dass es ohnehin als unangenehm empfunden wird, dass der andere etwas sagt. Dann dient das Daziwschenreden einfach dem Abschalten dieser uanngenehmen Geräusche. In diesem Fall ist allerdings zu fragen, warum man sich nicht besser trennt.

Nicht verstehen.

Der zweite Strang des Aneinander-Vorbei-Redens ist das simple Nicht-Verstehen. Mit etwas Schulung kann man sofort erkennen, ob das Gegenüber eine Mitteilung wirklich verstanden hat. Die Blicke treffen sich und es gibt einen Moment der Einheit. Unverständnis steht dem Gegenüber häufig ebenfalls ins Gesicht geschrieben.

Aber wie wird Missverstehen eigentlich erzeugt?

  1. Ich liefere unvollständige Informationen oder Sätze. Anstatt eine komplette Botschaft zusammenzustellen, sende ich Bruchstücke und erwarte vom Anderen, diese zu ergänzen. Mehr zu dieser Kommunikationstechnik der Faulheit auch im nächsten Abschnitt.
  2. Ich drücke mich so umständlich aus, dass mein Gegenüber den Faden verliert. Zu dieser Verwirrungstaktik gehört auch das Hin- und Herspringen in Gedanken. Dies führt zu einem Kommunikationsstil, in dem viele offene Enden produziert werden und weder Sender noch Empfänger wissen, welches davon die wesentliche Mitteilung ist.
  3. Ich rede zu lange. Anstatt einen Gedanken mitzuteilen und zu erläutern, der dann beim anderen empfangen und verarbeitet werden kann, schwafele ich ohne Ende und weiss selbst nicht so genau, was ich eigentlich sagen wollte. Ich wusste einfach nicht, wie ich das Sprechen wieder beende. Auch hierzu bietet der folgende Abschnitt weitergehende Gedanken.

Ungenauigkeit und Bequemlichkeit.

Mit diesen beiden Worten lässt sich zusammenfassen, was wir in unserer jahrelangen Beschäftigung mit der Kommunikation von Paaren herausgefunden haben. Die meisten Männer und Frauen sind in ihren Mitteilungen zu ungenau und erwarten vom anderen zu viel Verständnisarbeit.

Genauigkeit bedeutet in diesem Zusammenhang, zunächst einen Gedanken selbst zu sortieren und zu wissen (!), was ich mitteilen will. Im zweiten Schritt gilt es dann alle Bemühung daran zu setzen, dass der andere in seinem Kopf ein möglichst exaktes Duplikat dieses Gedankens erzeugt. Das gelingt nur mit Präzision in der Selbstbeobachtung und im Ausdruck. Gerade diese Präzision wird aber oft vernachlässigt, ignoriert und abgewehrt. Das ist es gerade, was mit Bequemlichkeit gemeint ist:

  1. Wenn ich unvollständige Sätze abliefere, ergänzt sie mein Zuhörer vielleicht richtig… Wenn nicht, kann ich ihm immer noch einen Vorwurf machen, er verstehe mich nicht richtig. Auf diese Weise bin ich nicht zuständig, meine Denkweisen zu verändern. Der Fehler liegt bei Dir.
  2. Wenn ich irgendwie unscharfe, na Sie wissen schon…
    (Unbefriedigend, oder?)
  3. Klare Mitteilungen über mich selbst zu machen bedeutet, mir eine gewisse Zeit zur Selbstbeobachtung und Selbsterforschung zu nehmen. Wer unter Dauerstress steht, gönnt vor allem sich selbst nicht genügend Raum. Dann weiss ich nicht, was ich empfinde, und reagiere dazu noch abwehrend, wenn ich darauf angesprochen werde.
  4. Ohne die Angst vor den Reaktionen des Partners, würden viele Beziehungen wahrscheinlich völlig anders ablaufen. Tatsächlich aber steuert Angst einen Großteil unserer Kommunikation. Diese Angst wird genährt durch weitere Missverständnisse, die auf Grundlage der Angst selbst entstehen. Aus dem Teufelskreis entkommen kann nur, wer Liebesentzug riskiert und ehrlich mitteilt, was los ist. (Wobei Ehrlichkeit in keiner Weise brutal sein muss. Auch hier gilt: Je genauer, desto leichter nachvollziehbar. Je leichter nachvollziehbar, desto weniger angreifbar.)
  5. Zuständigkeit wird delegiert. „Du bist dafür verantwortlich zu wissen, in welcher Stimmung ich bin und mich entsprechend anzusprechen.” Solche Bequemlichkeit gepaart mit Empfindlichkeit ist übrigens sehr gleichmäßig auf Männer und Frauen verteilt.

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