Respektvoller Dialog

Was du hörst ist nicht, was ich gesagt habe

Teil zwei der Reihe Verständigungskultur
Hier geht’s zum 1. Teil: Achtsamkeit

»Keiner ist unnütz, er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen.«

Norbert Mayer schrieb diese Zeile als Widmung auf seinen Gedichtband »Lebenswege«. Heute gebe ich dieses Beispiel selbst ab. Kurz bevor ich mich hingesetzt habe um diesen Artikel zu schreiben, trank ich mit meiner Frau gemeinsam den Vormittagskaffee auf der sonnigen Terrasse. Nachdem Kaffee und zweites Frühstück genossen waren, sagte ich:

„Let’s get productive.”

Und sie antwortete: „Ja, und ich werde etwas richtiges arbeiten.”

Zum Spaß spielte ich die mögliche Variante des automatischen Missverstehens: „Aha, einen Artikel zu schreiben ist also keine richtige Arbeit.”

Automatisches Missverstehen

Missverständnisse sind der Anfang jeden Streits. Und in den meisten Fällen beginnen Sie mit Banalitäten.

Bemerkungen, die Kritik enthalten könnten:
„Hier ist es schon wieder so unaufgeräumt.“

Halb an uns selbst gerichtete Aufforderungen, die der andere als Befehl auffasst:
„Hier müsste mal wieder aufgeräumt werden.“

Oder direkt gerichtete Kritiken mit den beiden schwierigsten Wörtern:
Nie räumst du auf.“
Immer lässt du deine Sachen herumliegen.“

Automatische Reaktionen

Die Macht der Gewohnheit löst ritualisierte Reaktionen aus, die man im wesentlichen zwei Kategorien zuordnen kann. Rechtfertigungen und Zurückweisungen. Beiden liegt zu Grunde, dass die durch Kritik ausgelösten Gefühle unangenehm sind und so schnell wie möglich den Körper (und den Geist) wieder verlassen sollen.

Schaut man sich an, welche unangenehmen Wahrnehmungen ausgelöst werden können, stößt man auf Schuldgefühle, Sich-erwischt-fühlen, Beschämung und Ungerechtigkeit.

Rechtfertigungen

Rechtfertigungen sollen dazu dienen, dem anderen mitzuteilen, dass wir uns zu Unrecht beschuldigt fühlen.
„Hier sieht es immer so aus.”
„Ich habe gestern erst aufgeräumt.”
„Das waren die Kinder.”

Zurückweisungen

Der zweite Versuch, die durch Kritik ausgelösten unangenehmen Gefühle loszuwerden, ist die grundlegende Abwehr.
„Du meckerst schon wieder.”
„Du räumst auch nie auf.”
Manchmal auch gar nichts sagen und den Raum verlassen.

Die schlechte Nachricht: All diese Reaktionen sind nutzlos. Weder erlösen sie einen von den unangenehmen Gefühlen, noch tragen sie zur Klärung der Auseinandersetzung bei. Im Gegenteil: Sie gießen Öl ins Feuer.

Lösung: Respektvoller Dialog.

Der Ausweg aus dem Teufelskreis hat zwei Eingänge. Beide Partner haben ihre Verantwortung, die automatisierten Vorgänge ins Bewusstsein zu bringen und durch funktionierendere zu ersetzen. Das Ergebnis ist der respektvolle Dialog.

Sender und Empfänger

Mit Sender bezeichne ich hier die Person, die die Kritik vorbringt. Empfänger ist diejenige, die darauf reagiert.

Auf der Senderseite gibt es zwei Dinge zu prüfen:

  1. Wie hoch ist der emotionale Gehalt meiner Kritik? Es ist sinnvoll, diese Emotion zuerst in mir selbst Raum zu geben. Fühlen, tief durchatmen.
    Wenn ich über ein nicht aufgeräumtes Zimmer wütend bin, ist es hilfreich, den Ärger als solchen zu benennen und danach die Ursache. Bei der Benennung der Ursache ist es wichtig, den Bezug zur eigenen Person herzustellen: „Ich ärgere mich, dass der Tisch nicht aufgeräumt ist, weil ich hier jetzt meine Papiere ausbreiten wollte.“
  2. Verfalle ich der Tendenz, meinen Ärger unausgesprochen in den Vorwurf einzubauen? Dieser verkappte Ärger, der sich möglicherweise angesammelt hat, äußert sich in den häufig verwendeten Formulierungen mit „Immer machst du…“ und „ Nie tust du… “. solche Sätze sind ideal Vorlagen für Streit.

Der Empfänger seinerseits kann zur Lösung mit drei einfachen Hilfen beitragen:

  1. Zu Ende zuhören. Nicht schon mitten im Satz des anderen anfangen zu antworten, zu rechtfertigen. Nicht in dem Moment, in dem man sich angefasst fühlt, bereits beginnen eine Antwort zurecht zu legen.
  2. Direkte Nachfrage.
    • „Was ist es konkret, was dich stört?“
    • „War das alles, oder möchtest du noch mehr sagen?“
    • „Erkläre mir, was dich besonders aufregt.“
    • „Sag mir, was ich wissen muss, um dich vollständiger zu verstehen.“

    Auf diese Weise wird der Partner eingeladen, den gesamten Komplex von Gedanken und Gefühlen zu kommunizieren, anstatt dass wir auf Teilinformationen reagieren. Ich nenne das gerne: die Hintergrundbeleuchtung einschalten. Oft ergeben sich überraschende Wendungen und die Vorwürfe sind bei weitem weniger schwerwiegend als es zunächst schien. Erreichen lässt sich diese Haltung durch die Bereitschaft, die Befindlichkeit des Senders für die Zeit der Mitteilung für wesentlicher zu halten als die eigene Reaktion darauf.

  3. Frustrationstoleranz ausbauen. Die Reife eines Menschen ist messbar an der Höhe seiner Frustrationstoleranz. Damit ist nicht stilles Erdulden gemeint, sondern die Fähigkeit, ungemütliche Situation im Dienste einer längerfristigen Aufgabe auszuhalten. In diesem Zusammenhang ist die längerfristige Aufgabe der funktionierende Dialog zwischen den Partnern. Ein funktionierender, respektvoller Dialog führt zu größerer Verbundenheit. Größerer Verbundenheit führt zu mehr Gelassenheit und Großzügigkeit. Ein unaufgeräumtes Zimmer ist dann kein Angriff mehr, sondern ein gemeinsam lösbares Projekt.

2 Antworten auf “Respektvoller Dialog”

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